Siedlerhaus für Heimatvertriebene von Egon Eiermann in Buchen-Hettingen/Odenwald

„Ich halte es für falsch, Fehlinvestitionen in der Art zu machen, dass jetzt notdürftige Bauten, die später ersetzt werden müssen, erstellt werden. Der Bedarf ist so ungeheuer, dass kein neues Gebäude für Jahrzehnte frei sein wird. Darin liegt eine große Verantwortung der Menschheit gegenüber, die ein Heim, aber keine Baracke, keine Kaserne und keine Hundehütte haben soll (…)“ sagte Egon Eiermann im Jahr 1946 anlässlich seiner Planungen für eine Siedlung für Heimatvertriebene in Buchen-Hettingen im Odenwald.

Nicht nur architektur-, sondern auch sozialgeschichtlich ist die Siedlung deshalb von großer Bedeutung und war 2009/2010 bereits Gegenstand der großen Landesausstellung „Ihr und wir – Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg“ im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart.

Die Häuser und die verwendeten Materialien sprechen von der Not der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und sind Zeugnis vom unbedingten Willen des Ortspfarrers Heinrich Magnani und Eiermanns, den Heimatvertriebenen bestmögliche Lebensbedingungen zu schaffen. Die Gestaltung der Häuser bindet nahtlos an Eiermanns Berliner Frühwerk an und ist eines der wenigen Denkmale der „Vor-Wirtschaftswunderzeit“ überhaupt.

Die Instandsetzung

Entscheidend bei den von 2014-2016 vorgenommenen Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten waren der Erhalt und die Konservierung der historischen Oberflächen einschließlich behutsamer restauratorischer Ergänzungen: Im Erdgeschoss wurden die Wand- und Deckenflächen mit einer körnigen reversiblen Schlämme überfasst, Türen und Möbel wurden repariert und aufgearbeitet, ausgetauschte Fenster wurden durch aufgefundene Originalbauteile ersetzt, eine vermutlich schon in den 1950er Jahren eingefügte leichte Trennwand wurde zugunsten des damals innovativen Raumgefüges entfernt, die charakteristische Außenfassade wurde repariert und schadhafte Dachziegel mit bauzeitlichem Material ergänzt. Ein besonderer Glücksfall bestand im Erhalt  der originalen Einbaumöbel, Wasch- und Spülbecken sowie zwei von Eiermann entworfenen Möbeln der Erstausstattung.

Im Frühjahr 2018 erfolgt die Wiederherstellung des denkmalpflegerisch bedeutsamen Hausgartens. Ab Juni 2018 soll mit einer Dauerausstellung des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg im Haus die Situation der Heimatvertriebenen und der Menschen im Dorf sowie das unermüdliche Engagement des Ortspfarrers Magnani in Verbindung mit den Ideen Eiermanns thematisiert und einer breiten Öffentlichkeit erschlossen werden.

Vorstand Eiermann-Magnani-Dokumentationsstätte e. V. mit besonderen Mitgliedern und Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung Philip Kurz

Vorstand des Eiermann-Magnani Dokumentationsstätte e. V. und Philip Kurz, Wüstenrot Stiftung (Foto © Eiermann-Magnani-Dokumentationsstätte e. V.)

Die Ausstellung

Die Ausstellung würdigt die Entwurfsleistung Eiermanns sowie das beispielhafte Engagement Magnanis und bringt dem Besucher ein Stück bundesrepublikanische Sozialgeschichte nahe. Dabei bleibt das Haus selbst das eigentliche Ausstellungsobjekt. Fotos und Dokumente helfen dem Besucher die Planungsgeschichte nachzuvollziehen und das Leben der Bewohner kennenzulernen. Die Konzeption der Ausstellung übernimmt Paula Lutum-Lenger vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart, die das Eiermann-Magnani-Haus wissenschaftlich betreut.

Das Ausstellungskonzept folgt der Idee der Instandsetzung. Die Räumlichkeiten des Erdgeschosses sollen so weit wie möglich den Eindruck der ursprünglichen Fassung vermitteln, um den außerordentlichen architektonischen Wert des Hauses exemplarisch für die gesamte Siedlung aufzuzeigen, und sind den beiden Persönlichkeiten Eiermann und Magnani sowie der Planung und Realisierung der Siedlung gewidmet. Das erste Obergeschoss hingegen bleibt weitgehend in seinem letzten bewohnten Zustand erhalten und dokumentiert das Leben der Bewohner des Hauses, die Entstehung der Siedlung und das Schicksals der Flüchtlinge und Vertriebenen. Der Fokus wird so in drei Ausstellungsräumen vom Individuum auf die Gemeinschaft geweitet.

Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung entwirft das Büro für Innenarchitektur und Ausstellungsgestaltung bueroberlin Einbauten, die nicht nur die Inhalte gestalterisch umsetzten, die das Haus der Geschichte Baden-Württemberg erarbeitet hat, sondern sensibel mit dem historischen Kontext, den Spuren der Nutzung und der Originalsubstanz umgehen.

Im Eiermann und Magnani gewidmeten Erdgeschoss setzt bueroberlin Pultvitrinen als horizontale Elemente ein, die das offene Raumkonzept Eiermanns lesbar lassen. Im Obergeschoss bestimmen vor allem die letzten Fassungen der Wände mit den dekorativen Rollmustern den Raumeindruck. Zweiseitig verglaste Rahmen in verschiedenen Formaten werden mit deutlichem Abstand vor den Wänden befestigt und dienen als Schaukästen für Utensilien der Bewohner und Dokumente, lassen aber die Wand als Ausstellungselement weiterhin erkennbar.

Metallene Winkel verweisen auf konkrete Details des Gebäudes wie zum Beispiel den ausgeklügelten Klappmechanismus der Fenster und bilden eine Art Leitsystem, das den Besucher nicht nur in die Ausstellungsräume, sondern durch das ganze Haus inklusive Treppe, Bad und Abstellkammer führt. Kleine Tafeln mit Aussprüchen von Eiermann, Magnani, den Nutzern oder Außenstehenden geben Standpunkte und Reaktionen auf die Architektur und Geschichte der Siedlung wieder.

Im Außenbereich versorgen Lesepulte die Besucher auch außerhalb der Öffnungszeiten mit Informationen über das Haus und seine Geschichte.

Zur Eröffnung am 17. Juni 2018 erscheint eine Publikation, die die Geschichte der Instandsetzung des Hauses dokumentiert und anhand der Siedlung in Hettingen ein Stück bundesrepublikanische Sozialgeschichte von der Vertreibung und Flucht infolge des Zweiten Weltkrieges bis heute erzählt.

Projektlaufzeit:Denkmalprojek/Ausstellungsprojektt:Eigentümer/Nutzer:
Denkmalprojekt: 2011 – 2018, Ausstellungsprojekt 2017 – 2018Wolfram Architekten, Buchen: Alexandra Wolfram; Restauratorische Beratung: Dr. h.c. Helmut F.
Reichwald, Stuttgart (†); Wiegel Landschaftsarchitektur Gartendenkmalpflege,
Bamberg: Helmut Wiegel; Böttcher Restaurierung,
Sinsheim-Rohrbach: Silke und Ralph Böttcher; Marcus
Steidle und Carl Robert Graf Douglas Restaurierung, Rottenburg
a. N.; HPZ Haustechnik Planungsgesellschaft, Offenbach
a. M.: Volker Wetzel; Kurz und Fischer Beratende Ingenieure,
Winnenden: Erik Fischer; Ingenieurbüro Färber & Hollerbach,
Walldürn: Karl-Heinz Hollerbach; Beratung Schadstoffe:
Wolfgang Niemesch, Mudau; Mikrobiologie und Konservierung:
Dr. Stefanie Scheerer, Stuttgart; Machbarkeitsstudie: Crowell
Architekten, Karlsruhe: Barbara Kollia-Crowell, Robert Holmes
Crowell. Außerdem acht Unternehmen in der Bauausführung.
Ausstellung: Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart:
Prof. Dr. Thomas Schnabel, Prof. Dr. Paula Lutum-Lenger,
Dr. Franziska Dunkel, Ariane Brückel, Petra Bulla, Selina Dieter,
Patrick Dreher, Corinna Herzberg-Rebel, Nana Just, Dr. Stefan
Kirchberger, Signe Krauß, Martin Kühnel, Martin Nowitzki,
Joachim Rüeck, Stefan Stuber, Jan Trautmann, Cosima
Weyers, Barbara Ziereis; Beratung für den Eiermann-Magnani-
Dokumentationsstätte e. V.: Dr. Chris Gerbing, Karlsruhe; Texte
für die Wüstenrot Stiftung: Dr. Dorothea Deschermeier
Ausstellungsgestaltung: büroberlin, Berlin: Ruth Schroers,
Anika Kloss, Julia Neubauer, Vesselina Wilhelm. Außerdem
acht Unternehmen in Grafik, Beratung und Ausführung
Denkmalbehörden: Dr. Ruth Cypionka, Dr. Dörthe Jakobs,
Petra Martin, Dr. Claudia Mohn
Eiermann-Magnani-Dokumentationsstätte
e. V., Buchen-Hettingen: Hans-Eberhard Müller, Karl Mackert,
Wolfgang Voegele, Roland Linsler, Otto Kern sowie Manfred
Pfaus (Ehrenvorsitzender)