Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche von Egon Eiermann in Berlin

Umgang nach der Instandsetzung (Foto Stefan Maria Rother © Wüstenrot Stiftung)

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist mit ihren fünf Einzelgebäuden eines der bedeutendsten Kirchenensembles in Deutschland und gilt als ein Hauptwerk Egon Eiermanns (*1904, † 1970). Seit der Einweihung im Jahr des Mauerbaus 1961 ist sie ein Symbol West-Berlins. Durch die Verbindung von Neubauten und Ruine der 1943 durch Fliegerbomben zerstörten alten Gedächtniskirche ist sie auch heute ein eindrückliches Mahnmal des Zweiten Weltkriegs. Sie bildet ein ideelles Ensemble mit der 1940 durch Luftangriffe zerstörten Kathedrale von Coventry in England, deren Ruine 1962 ebenfalls durch Neubauten ergänzt wurde.

Egon Eiermann steht für das Bauen in der jungen Bundesrepublik.Mit seinen Bauten in Washington und auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel gab er der deutschen Architektur auch im Ausland ein neues Gesicht. Die vier Bauten Eiermanns – Kirche, Glockenturm, Foyer und Kapelle – umgeben die Kapelle als Stahlskelettbauten, ausgefacht mit Betonfertigteilen. Foyer und Kapelle sind die beiden kleineren und weniger bekannten Bauten neben der weltbekannten Kirche und dem weithin sichtbaren Glockenturm. Die Gebäude stehen auf einem Podium erhöht über dem Breitscheidplatz.

Mit einer Machbarkeitsstudie nahm sich die Wüstenrot Stiftung beispielhaft der Kapelle an und prüfte Wege, Möglichkeiten und Umfang einer grundlegenden Instandsetzung der Betonwaben der äußeren Umfassungsmauer und der Holzraster auf deren Innenseite, der Gebäudehülle (Fassade und Dach), der Innenräume und des Gartens. Voraussetzung dafür war die Zusage der Gemeinde, dass die Kapelle auch zukünftig sakral genutzt wird. Ein wichtiges Ziel der Instandsetzung war es, den klaren und hellen Innenraum, der durch den schmalen Gartenumgang und die abschließende Wand aus Betonwaben mit farbigen Dickgläsern eine kontemplative Atmosphäre auf dem belebten Breitscheidplatz bietet, in seinem Charakter zu stärken.

Die Instandsetzung

Architekten der Instandsetzung waren adb | Ewerien und Obermann aus Berlin. Bei der Instandsetzung wurde die filigrane Stahlkonstruktion der Kapelle innerhalb einer extrem aufwendigen luftdichten Einhausung des gesamten Gebäudes von Korrosion und schadstoffhaltigen Anstrichen befreit. Der Stahl erhielt eine neue Beschichtung und seine ursprüngliche mattschwarze Erscheinung zurück.

Betonwaben und Holzraster

Die Fassadenelemente aus durchörterten Betonfertigteilen (Betonwaben) wiesen dramatische Schäden durch Abplatzungen, Risse und Fehlstellen infolge von Korrosion des Bewehrungsstahls auf. Die Betoninstandsetzung hatte zum Ziel, die älteren Schutzbeschichtungen zu entfernen und den besonderen Charakter des speziellen Waschbetons wieder voll zur Geltung zu bringen: Egon Eiermann verwendete den damals noch sehr jungen Baustoff Dyckerhoff Weißzement und mischte weißen Quarzbruch bei. Bei der Ergänzung von Fehlstellen bildeten Restauratoren die körnige Waschbetonoberfläche minutiös nach und passten sie in den Bestand ein. Der prägnante Kontrast zwischen hellem Beton mit lebhafter Oberfläche und den dunklen Stahloberflächen ist an der Kapelle wieder erlebbar und Vorbild für künftige Instandsetzungen der anderen Gebäude im Ensemble.

Auf der Gartenseite wurden die Holzraster erneuert, die die plastisch ausgebildeten Betonwaben zieren. Nach über 50 Jahren Standzeit waren die Hölzer unrettbar verrottet. Eiermann hatte die Gitter als kompliziertes Steckwerk entwickelt, das ohne jede Schraube auskam. Der höchst individuelle Dreiklang aus Holz, Beton und den bunten Dickgläsern ist der gestalterische Höhepunkt, der den Raumeindruck von jeder Stelle in der Kapelle bestimmt.

Kapellenumgang

Der schmale Gartenumgang zwischen dem gläsernen Kapellenraum und der Umfassung wurde nach den Plänen Egon Eiermanns und verfügbaren Archivalien originalgetreu wiederhergestellt. Japanische Vorbilder sollen diesen bei der Gestaltung aus runden Trittplatten, Kiesstreifen und begrüntem Boden inspiriert haben. Die zurückhaltende Akzentbepflanzung aus Rosen und Wein geht ebenfalls auf Egon Eiermann zurück und lässt den Blick auf das intensive Farbspiel der Betondickgläser frei. Die unauffällig und neu eingebrachte Installation einer automatisierten Bewässerungsanlage wird den Pflegeaufwand künftig erheblich reduzieren.

Umgang nach der Instandsetzung (Foto Stefan Maria Rother © Wüstenrot Stiftung)

Umgang nach der Instandsetzung (Foto Stefan Maria Rother © Wüstenrot Stiftung)

Der Innenraum

Der lichte Kapellenraum erhielt eine neue Verglasung, die die oft beklagte Aufheizung des Innenraums im Sommer reduziert und im Winter eine bessere Dämmung bietet. Restauratoren unterzogen sämtliche Holzfurnieroberflächen aus gedämpfter Buche einer umsichtigen Reinigung und Politur. Wo erforderlich führten sie Reparaturen aus, ohne Alters‐ und Gebrauchsspuren gänzlich zu beseitigen. Der Fußboden aus keramischen Rundplättchen, ein wiederkehrendes und variierendes Thema im Ensemble am Breitscheidplatz, wurde repariert und ergänzt. Die Erneuerung der überalterten Haustechnik war ein Schwerpunkt der Instandsetzung. Die Heizung und Lüftung nutzt weiterhin das ausgeklügelte System aus unterirdischen Betonkanälen. Durch eine zusätzliche Wärmerückgewinnung arbeitet die neue Lüfterzentrale nun energieeffizient. Der Kapellenraum lässt sich ebenfalls energiesparend bei Bedarf auch so ausleuchten, dass gemeindliche Nutzungen wie Chorproben nun ohne zusätzliche Scheinwerfer abgehalten werden können. Zwei neue Toiletten und eine Teeküche in ehemaligen Abstellräumen des Kellers kommen nun dem Gemeindeleben zugute. Etliche kleine Verbesserungen werden den Nutzwert der Kapelle erhöhen, wie beispielsweise ein intelligentes Regal für klappbare Tische, die bei Bedarf aus einer Nische hervorgezogen werden können, oder zusätzliche ebenfalls klappbare Garderobenstangen. Die Gestaltungskraft Egon Eiermanns mit seinen vielfältigen Einfällen für das Detail wird durch die Instandsetzung der Kapelle wieder erleb‐ und erfahrbar. Der helle und lichte Raum wirkt wie eine Oase auf dem belebten Breitscheidplatz. Technische Anpassungen, aufgefrischte Oberflächen und der wiederhergestellte Garten lassen seine meditative Wirkung wieder uneingeschränkt zu.

Blick auf den Altar nach der Instandsetzung (Foto Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung)

Blick auf den Altar nach der Instandsetzung (Foto Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung)

Feierliche Neueröffnung

Im Rahmen eines von Fachvorträgen und einem Gottesdienst begleiteten Festakts wurde die Kapelle am 11. Mai 2017 feierlich neu eröffnet. Neben dem Geschäftsführer Prof. Philip Kurz und dem Vorstandsvorsitzenden Joachim E. Schielke der Wüstenrot Stiftung befanden sich unter den geladenen Gästen u.a. Dr. Markus Dröge (Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Katrin Lompscher (Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen), Ulrike Trautwein (Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Superintendentin des Sprengels Berlin)  sowie Dr. Johann Hinrich Claussen (Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland).

Das Projekt in den Medien

Rbb Abendschau am 10.05.2017: „Gedächtniskirche: Kapelle saniert“ 

Projektlaufzeit:Denkmalprojekt:Eigentümer/Nutzer:
2014 – 2017Büro für Architektur, Denkmalpflege und
Bauforschung adb, Ewerien und Obermann, Berlin: Steffen
Obermann, Karen Schlisio, Ingo Haase; Dr. Jacobs & Hübinger,
Büro für Gartendenkmalpflege und Landschaftsarchitektur,
Berlin: Petra Hübinger; Heimann Ingenieure, Berlin: Ulrich
Heimann, Frank Linke, Karsten Dochow; RWP Beratende
Ingenieure für Bauphysik, Berlin: Stephan Rieger; Bundesanstalt
für Materialforschung und -prüfung BAM, Berlin:
Dr. Hans-Carsten Kühne; GSE Ingenieur-Gesellschaft, Berlin:
Sven Pöhner, Jürgen Marschner; Gesellschaft für Sicherheitsund
Umwelttechniken: Matthias Failing; Gesellschaft für Wissenstransfer
in der Gebäude-Diagnostik, Berlin: Detlef Ullrich;
Glasmalerei Peters, Paderborn: Christoph Sander; Schubert
Vermessungsbüro, Blankenfelde: Bodo Schubert.
Außerdem 34 Unternehmen in der Bauausführung
Denkmalbehörden: Landeskonservator Prof. Dr. Jörg Haspel,
Sybille Haseley, Dr. Thomas Schmidt, Ingrid Lohse
Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche/
Evangelische Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde
Berlin: Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, Pfarrer Martin
Germer, Ingeborg Burgert