Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche von Egon Eiermann in Berlin

© Wüstenrot Stiftung / Stefan Maria Rother

© Wüstenrot Stiftung / Stefan Maria Rother

Die Gebäude der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche sind eines der bedeutendsten Kirchenensembles in Deutschland und gelten als ein Hauptwerk Egon Eiermanns. Seit der Einweihung im Jahr des Mauerbaus 1961 ist es ein Symbol West-Berlins. Durch die Verbindung von Neubauten und Ruine der 1943 durch Fliegerbomben zerstörten alten Gedächtniskirche ist sie auch heute ein eindrückliches Mahnmal des 2. Weltkriegs. Zudem bildet sie ein ideelles Ensemble mit der 1940 durch Luftangriffe zerstörten Kathedrale von Coventry in England, deren Ruine 1962 auch durch Neubauten ergänzt wurde.

Wie kaum ein anderer Architekt steht Egon Eiermann für ein neues Bauen nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinen Bauten in Washington und auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel, anlässlich derer er mit Sep Ruf zusammenarbeitete, gab er der deutschen Architektur im Ausland ein neues Gesicht. Ebenso strahlte das von Eiermann entworfene Abgeordnetenhaus des Bundestags in Bonn, der „Lange Eugen“, das neue Selbstverständnis der jungen Republik über die Landesgrenzen hinweg aus. Eiermanns Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit dem freistehenden Glockenturm war zu seiner Erbauungszeit in den Sechziger Jahren durchaus umstritten. Mittlerweile ist sie jedoch zu einem Wahrzeichen des zentral gelegenen Berliner Stadtteils Charlottenburg geworden, deren Bewohner die alte Turmruine am Breitscheidplatz volksmündlich „Hohlen Zahn“ nennen. Der in blaues Licht gehüllte Innenraum der von Eiermann geschaffenen Neuen Kirche fasziniert Bewohner und Besucher der Stadt gleichermaßen. Weniger beachtet und kaum bekannt sind hingegen die beiden kleineren Flachbauten des Gebäudeensembles: das sogenannte Foyer, ursprünglich als Sakristei gedacht, und die Kapelle. Beiden Bauten gebührt aufgrund ihrer eigenständigen Raumschöpfung und künstlerischer Gestaltung einschließlich ihrer Ausstattung jedoch ebenso viel Aufmerksamkeit wie Kirche und Turm.

Alle vier Bauten Eiermanns – Kirche, Turm, Foyer und Kapelle – sind Stahlskelettbauten, ausgefacht mit Betonfertigteilen in quadratischer Wabenstruktur, gefüllt mit gegossenem farbigen Dickglas des französischen Künstlers Gabriel Loire aus Chartres. Im Ensemble stellen das sogenannte Foyer und die Kapelle die beiden kleineren und weniger bekannten Bauten dar obgleich sie sich direkt neben der weltbekannten Kirche und dem Glockenturm befinden. Alle Gebäude stehen auf einem Podium erhöht über dem Breitscheidplatz und flankieren die Ruine der Ruine. Die Anfang der 1960er Jahre errichteten Gebäude haben sich als technisch aufwändig zu unterhaltende Strukturen erwiesen, die nur unter schweren Anstrengungen instand zu halten sind.

Mit einer Machbarkeitsstudie hat sich die Wüstenrot Stiftung 2013 der Kapelle angenommen und dabei Wege, Möglichkeiten sowie Umfang einer beispielhaften Instandsetzung geprüft. 2014 wurde beschlossen, die Instandsetzung durchzuführen. Voraussetzung dafür war, dass die Kapelle auch zukünftig sakral genutzt wird. Der klare und helle Innenraum, der durch den schmalen Umgang und die abschließende Wand aus Holz- und Betonwaben mit farbigen Dickgläsern eine abgeschiedene Atmosphäre auf dem belebten Breitscheidplatz bietet, sollte in seinem Charakter gestärkt werden. Nach einer umfangreichen Substanzuntersuchung, für die die Wüstenrot Stiftung 100.000 Euro zur Verfügung stellte, konnten die Kosten für die Instandsetzung der Kapelle und der Betonwaben ermittelt und die Baumaßnahmen, mit denen Anfang 2015 begonnen wurden, geplant werden. Die Wüstenrot Stiftung förderte die Instandsetzung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit 1,4 Millionen Euro, um dieses bedeutende Denkmal der Nachkriegszeit für kommende Generationen zu erhalten.

Fotos: Zustand vor der Instandsetzung

Die Herausforderungen bestanden darin, das über 50 Jahre alte Gebäude mit seinen Abnutzungen und Schäden wieder zu ertüchtigen. Die filigrane Stahlkonstruktion war durch Korrosion substanziell gefährdet und von Verfall gezeichnet: Umfangreiche und kostenintensive Instandsetzungen waren an allen vier Gebäuden bereits seit ihrer Erbauung in einem Zyklus von nur zehn bis fünfzehn Jahren erforderlich, die ebenfalls Spuren hinterlassen haben. Die Konstruktion der Kapelle wurde daher von schadstoffhaltigen Anstrichen befreit und erhielt eine neue Beschichtung. Die Holzoberflächen der Orgelempore wurden gereinigt und nur starke Gebrauchsspuren repariert. Der Boden mit den für Eiermann typischen Rundfliesen wurde repariert und behält seine fünfzigjährige Patina. Die Haustechnik wurde erneuert, wobei das von Eiermann erdachte System von Betonkanälen für die Be- und Entlüftung und Beheizung weiter genutzt werden kann. Durch intelligente Maßnahmen kann die Aufheizung des Innenraums im Sommer reduziert werden. Der Kapellenumgang mit Anklängen an japanische Gartenarchitektur wurde wieder hergerichtet, sodass er den Innenraums bereichert. Darüber hinaus sollen von den Erkenntnissen, die während des Projekts gewonnen wurden, in Zukunft auch andere Bauten mit vergleichbarer Bauweise profitieren.

Feierliche Neueröffnung

Im Rahmen eines von Fachvorträgen und einem Gottesdienst begleiteten Festakts wurde die Kapelle am 11. Mai 2017 feierlich neu eröffnet. Neben dem Geschäftsführer Prof. Philip Kurz und dem Vorstandsvorsitzenden Joachim E. Schielke der Wüstenrot Stiftung befanden sich unter den geladenen Gästen u.a. Dr. Markus Dröge (Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Katrin Lompscher (Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen), Ulrike Trautwein (Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Superintendentin des Sprengels Berlin)  sowie Dr. Johann Hinrich Claussen (Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland).

Fotos: Impressionen der feierlichen Wiedereröffnung

Das Projekt in den Medien

Rbb Abendschau am 10.05.2017: „Gedächtniskirche: Kapelle saniert“ 

Projektlaufzeit:Denkmalprojekt:Eigentümer/Nutzer:
2013 – 2017adb, Ewerien und Obermann: Steffen Obermann, Karen Schlisio, Ingo Haase; Dr. Jacobs & Hübinger: Petra Hübinger; Heimann Ingenieure: Frank Linke, Karsten Dochow; RWP Beratende Ingenieure für Bauphysik: Stephan Rieger; BAM Bundesanstalt für Materialforschung und
-prüfung: Dr. Hans-Carsten Kühne; GSE Ingenieur-Gesellschaft: Sven Pöhner; Gesellschaft für Sicherheits- und Umwelttechniken: Dr. Matthias Failing; Gesellschaft für Wissenstransfer in der Gebäude-Diagnostik: Detlef Ulrich; Glasmalerei Peters: Christoph Sanders

Stiftung Kaiser–Wilhelm–Gedächtnis–Kirche: Dr. Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen (†), Pfarrer Martin Germer, Ingeborg Burgert; Nutzer: Evangelische Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde Berlin: Pfarrer Martin Germer