Gestaltungspreis 2014: Baukultur in Deutschland – Von der Architekturqualität im Alltag zu den Ikonen der Baukunst

Gewinnerentwurf 2014: Der Hospitalhof im Modell (Foto © Wüstenrot Stiftung)

Gewinnerentwurf 2014: Der Hospitalhof im Modell (Foto © Wüstenrot Stiftung)

Baukultur ist ein zentrales Merkmal unserer gebauten Umwelt. Sie ist eine Visitenkarte für Städte, Unternehmen, Institutionen und örtliche Gemeinschaften. Baukultur wird als Standortfak- tor wirksam und trägt maßgeblich zur Identifikation mit einem Gebäude, einem Ort oder einer Region bei.

Das baukulturelle Erbe vorhergehender Epochen – allen voran das der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg – ist ein wichtiges Band der kollektiven Erinnerung und Identität. Dieses Band ermöglicht und flankiert eine Vergegenwärtigung der gesellschaftlichen, politischen und sozialen Ereignisse und Errungenschaften, die das Fundament unserer gemeinsamen Herkunft bilden. Gerade in Zeiten eines raschen und umfassenden Wandels, wie wir ihn heute erleben, liefert die Bewahrung und Pflege des baukulturellen Erbes wertvolle und unverzichtbare Beiträge für gemeinsame Identität und geteilte Lebensqualität.

Der Gestaltungspreis „Baukultur in Deutschland“ der Wüstenrot Stiftung leistete mit der Auszeichnung besonders gelungener Beispiele einen Beitrag zur Klärung der wichtigsten Kriterien und Merkmale von Baukultur. Die 615 Einsendungen aus dem gesamten Bundesgebiet schafften einen aktuellen und breiten Überblick, aus dem sich vielfältige Anregungen für eine Erörterung des Verständnisses von Baukultur gewinnen lassen. Die Bandbreite der Einsendungen reichte von der Architekturqualität im Alltag bis zu besonderen Ikonen der Baukunst. Den Vorsitz des Preisgerichts hatte Prof. Max Dudler.

Gestaltungspreis 15.000 Euro

Der mit 15 000 Euro dotierte Gestaltungspreis geht an die Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei (Stuttgart) für den Neubau des Hospitalhofes in Stuttgart. Damit würdigt die Jury ein vorbildhaftes Bauen im städtebaulichen Bestand, einen gelungenen Beitrag zur Stadtreparatur und einen Glücksfall für die Baukultur. Charakteristisch für den Neubau sind seine hohe funktionale Qualität, der bemerkenswerte Respekt gegenüber der Geschichte des Grundstückes und den noch vorhandenen Rudimenten vorhergehender Bebauung sowie der dadurch geschaffene beispielhafte Beitrag für eine neue, lebendige, kommunikative und soziale Mitte eines innerstädtischen Quartiers. Die Fassaden spielen mit verschiedenen architektonischen Ausdrucksformen; der Innenhof heißt willkommen und verbindet den Eingang mit zahlreichen Aufenthaltsangeboten, und auch Ökonomie und Ökologie sind stimmig in einem aus Neu und Alt entstandenen Ensemble von hoher architektonischer Qualität und städtebaulicher Aussagekraft.

Vier Auszeichnungen zu je 5.000 Euro

  • Bayer & Strobel Architekten (Kaiserslautern) für eine neue Aussegnungshalle in Ingelheim. Es ist eine Bauaufgabe, die in der Regel nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhält: Die Erweiterung eines bestehenden Friedhofs in Verbindung mit dem Neubau einer zentralen Aussegnungshalle als Ort des Abschieds und der gemeinsamen Trauer. In Ingelheim hat die Kommune ein bemerkenswertes Bekenntnis zu dieser Bauaufgabe in Auftrag gegeben. Entstanden ist ein Ensemble mit hoher architektonischer Qualität, das es Menschen konfessionsübergreifend ermöglicht, gemeinsam Abschied zu nehmen. Materialwahl, Raumkonzeption, Belichtung und Sichtbeziehungen wurden mit großer Sensibilität so gestaltet, dass sie ein hohes Maß an Geborgenheit, Würde und Offenheit ausstrahlen.
  • Max Dudler (Berlin) für den Restaurantneubau auf dem Hambacher Schloss in Verbindung mit verschiedenen Maßnahmen zur Erneuerung der Infrastruktur und der Außenanlagen des Hambacher Schlosses. Behutsam wird auf der historischen Anlage unter Einbindung des Entreegebäudes, des Restaurants und eines erweiterten Schlossplatzes eine Ringerschließung entwickelt, die durch Öffnen und Verdichten der Räume den Aufgang zur Schlossruine für den Besucher neu inszeniert. Das Restaurant fügt sich hervorragend in die vorgefundene Bausubstanz ein und schafft zugleich ein neues, spannendes Raumkontinuum. Ein bedeutsamer Ort der deutschen Geschichte wird durch das gelungene Zusammenspiel der einzelnen Maßnahmen in vorbildlicher Weise für die Öffentlichkeit erlebbar gemacht.

  • Thomas Kröger (Berlin) für die Erweiterung und den Umbau des Werkhaus Schütze in Gerswalde. Das Gebäude wurde ursprünglich in den 1980er Jahren als Schlosserei und Schmiede mit Verwaltungsbereich einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in der Uckermark errichtet und nun zu einer Tischler-Werkstatt mit Wohn- und Wirtschaftsteil umgebaut. Durch eine neue Außenhaut fügt sich das Haus in die flache Hügellandschaft der Umgebung ein. Die gelungene Interpretation des Um- und Weiterbauens eines alltäglichen Gebäudes, der spannungsreiche Bezug zwischen neu geschaffenen Innenräumen und der Landschaft sowie die sparsame und gestalterisch gelungene Verwendung der eingesetzten Materialien machen das Werkhaus zu einem wichtigen Beitrag für die Baukultur im ländlichen Raum.

  • schneider + schumacher Planungsgesellschaft für Erweiterung und Umbau mbH (Frankfurt a. M.) mit Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH für den Neubau der Ölhafenbrücke in Raunheim. Die Ölhafenbrücke löst hohe funktionale und technische Anforderungen in Form einer großzügigen Spiralskulptur mit großer Eleganz und hoher symbolischer Strahlkraft. Das von Architekten und Ingenieuren gemeinsam entwickelte Entwurfs- und Gestaltungskonzept steht beispielhaft für den interdisziplinären Ansatz der Baukultur. Im Ergebnis wird nicht nur ein verkehrlicher Brückenschlag, sondern ein gesellschaftlicher Mehrwert für Identität und Nutzen des Ortes geschaffen. Bemerkenswert auf der Ebene des Planungsprozesses ist die interkommunale Kooperation zwischen drei Nachbargemeinden.

Neun Anerkennungen zu je 2.000 Euro

  • Bembé Dellinger Architekten und Stadtplaner GmbH (Greifenberg) für die neue Ortsmitte Wettstetten. Das Ensemble beeindruckt durch die gelungene Erfüllung städtebaulicher, funktionaler und sozialer Ansprüche an die neue Ortsmitte einer etwa 5.000 Einwohner zählenden Gemeinde.
  • Heinrich Böll (Essen) für den Umbau des Pumpenhaus Bochum zu einem Besucherzentrum mit Gastronomie. Geschickt werden neue Nutzungen eingefügt, wobei im Inneren durch die unverkleideten Konstruktionen die Spuren der Industriekultur und die historische Eigenart des Gebäudes sichtbar bleiben.
  • Winfried Brenne Architekten (Berlin) für die denkmalgerechte Sanierung der Akademie der Künste Berlin am Hanseatenweg. Vom Brandschutz über energetische Ertüchtigung bis zur Modernisierung der Haustechnik wurde eine grundlegende Erneuerung erreicht, ohne die einmalige Atmosphäre des Hauses und sein Erscheinungsbild zu beeinträchtigen.
  • Glass Kramer Löbbert – Gesellschaft von Architekten mbH mit Prof. U. Graf (Berlin) für den Neubau envihab – Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln-Porz. Das Gebäude demonstriert beispielhaft, wie komplexe technische und funktionale Anforderungen in ein überzeugendes konstruktives und räumliches Konzept überführt werden können.
  • ifau und Jesko Fezer | Heide & von Beckerath (Berlin) für das Baugruppenprojekt R50 in Berlin. Das Projekt liefert eine überzeugende Antwort für das gemeinschaftliche Wohnen in der Stadt an einem Standort, an dem die Auseinandersetzung mit dem Ort, den Nachbarschaften sowie dem Straßen- und Freiraum nur aus dem Dialog mit den Eigennutzern heraus lösbar war.
  • Kissler + Effgen Architekten (Wiesbaden) für die Umgestaltung der Kirche Sankt Bartholomäus in ein Kolumbarium in Köln. Der Innenraum wird durch eine mit einem transparenten Metallnetz abgegrenzte Kapelle neu gegliedert; es entsteht ein spannungsreicher Kontrast zwischen bestehendem Kirchenraum und sensibel gewählten Materialien der neuen Einbauten.
  • J. Mayer H. und Partner (Berlin) für die Schaustelle in München. Das Projekt zeigt beispielhaft, dass auch temporäre Bauaufgaben mit ihrer Wirksamkeit im städtischen Raum und ihrer Gestaltqualität einen Beitrag zur Baukultur leisten können.
  • Molestina Architekten Gesellschaft für Architektur mbH (Köln) für den Umbau der Zollhalle 12 im Rheinauhafen Köln. Die neue Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes beinhaltet Gewerbeflächen im Erdgeschoss und eine Vielfalt an Wohnungstypen in den Obergeschossen, die den Anforderungen zeitgenössischen urbanen Wohnens gerecht werden.

Kriterien

Bewertet wurden in diesem Wettbewerb in erster Linie:

  • Die Signifikanz der Baumaßnahme als Beitrag zur Baukultur
  • Die Qualität der architektonischen Gestaltung und des Städtebaus
  • Die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit
  • Gegebenenfalls: Der vorbildhafte Umgang mit historischer Bausubstanz

Aufgrund der außerordentlich hohen Zahl an bemerkenswerten Einsendungen und gelungenen Beiträgen zur Baukultur in Deutschland wurden die Zahl der Prämierungen und die Preissumme des Wettbewerbes erhöht. Die Wüstenrot Stiftung dankt gemeinsam mit den Mitgliedern des Preisgerichtes allen Teilnehmern für ihr Engagement zur Wahrung und Fortführung einer hohen Baukultur in Deutschland.

Der alle zwei Jahre bundesweit ausgeschriebene Gestaltungspreis der gemeinnützig tätigen Wüstenrot Stiftung gehört nach der Anzahl der Einsendungen und nach der Höhe der Preissumme zu den bedeutenden Architekturwettbewerben in Deutschland.

Mit den regelmäßigen Preisverleihungen zu wechselnden Themen versucht die Wüstenrot Stiftung, wirksame Impulse für die Gestaltung der gebauten Umwelt und die Bewahrung vorhandener Baukultur zu geben und die Politik und Öffentlichkeit auf beispielhafte Problemlösungen aufmerksam zu machen.

Preisgericht

Prof. Volker Staab, Architekt, Berlin (Vorsitzender)

Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Durth, Architekt, Darmstadt

Barbara Ettinger-Brinckmann, Architektin, Kassel (Präsidentin der Bundesarchitekturkammer)

Prof. Françoise-Hélène Jourda, Architektin, Paris

Philip Kurz, Architekt, Ludwigsburg (Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung)

Reiner Nagel, Architekt und Stadtplaner, Berlin (Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur)

Prof. Florian Nagler, Architekt, München

Impressionen von der Preisverleihung am 23. Februar 2015

Die Preisverleihung fand im Hospitalhof Stuttgart statt.

Die Ausstellung

Vierzehn besonders gelungene prämierte Beispiele und weitere zehn Einsendungen aus der engeren Wahl des Preisgerichts wurden in der Wanderausstellung „Baukultur in Deutschland“ zusammengefasst und u. a. in Braunschweig, Dortmund, Düsseldorf, Erfurt, Hanno- ver, Kaiserslautern, Kassel, Nürnberg, Osnabrück, Passau, Saarbrücken, Stuttgart, Ulm, Wiesbaden sowie Luxemburg vorgestellt.

Impressionen von der Ausstellungseröffnung in Erfurt am 10. November 2015

Die Ausstellungseröffnung am 11. Februar 2016 in Wiesbaden

Projektlaufzeit:Kooperationspartner:
seit 2013Preisgericht: Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Durth, Barbara Ettinger- Brinckmann, Prof. Françoise-Hélène Jourda, Reiner Nagel, Prof. Florian Nagler, Prof. Volker Staab
Vorprüfung: Mark Arnold, Arne Fentzloff, Dr. Gerd Kuhn
Wettbewerbsorganisation: Karl Krämer Verlag Stuttgart