Geschwister-Scholl-Gesamtschule von Hans Scharoun in Lünen

Aussenansicht der Geschwister-Scholl-Schule nach der Sanierung (Foto: Andrea Diefenbach © Wüstenrot Stiftung)

Außenansicht der Geschwister-Scholl-Schule nach der Sanierung (Foto: Andrea Diefenbach © Wüstenrot Stiftung)

Die Geschwister-Scholl-Schule in Lünen ist ein wertvolles Denkmal der Bundesrepublik. Die kulturelle Bedeutung dieser Anlage zu verstehen, war Teil des Projekts; sie zu erhalten, zu bewahren und ihr eine Zukunft zu geben, das Ziel. Die Geschwister-Scholl-Schule wurde zwischen 1956 und 1962 vom Architekten Hans Scharoun gebaut. In den Jahren 2009 bis 2013 wurde die Schule von der Stadt Lünen und der Wüstenrot Stiftung denkmalgerecht baulich instandgesetzt und energetisch saniert. Die Maßnahme wurde von Bund und Land gefördert.

Die heutige Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen, seinerzeit als Mädchengymnasium errichtet, ist von großer bauhistorischer Bedeutung und zeigt eine ebenso bemerkenswerte wie erhaltenswerte architektonische Qualität. Seit 1985 wird die Schule daher als Baudenkmal des Landes NRW gewürdigt. Im Gesamtwerk Scharouns nimmt die Geschwister-Scholl-Gesamtschule neben der Berliner Philharmonie und den Wohnungsbauprojekten eine herausragende Stellung ein. Hier vor allem scheinen seine sozialutopischen Ansätze idealerweise realisiert. Andererseits wird die Schule in der stets aktuellen Debatte um zeitgemäße Schulformen und Schulbauten immer wieder als weltweit wegweisendes reformpädagogisches Projekt gewürdigt.

Städtebaulich bedeutsam, bildet die Schule durch ihre lebendige Nutzung und die Lage am Rande des historischen Stadtkernes – gegenüber der Herz-Jesu-Kirche – einen Schwerpunkt in der Stadt Lünen. Das Gebäude fügt sich in Maß und Gestaltung behutsam in das heterogen geprägte, bauliche Umfeld ein. Mit der polygonalen Aula als Auftakt am Haupteingang und den außenwirksam angeordneten naturwissenschaftlichen Hörsälen an der Holtgrevenstraße ermöglicht der Bau durch seine Plastizität von jedem Standort aus unterschiedliche, stets spannende Raumeindrücke.

Vielfältige Raumbezüge und komplexe Weg-Raum-Beziehung finden sich auch im Gebäudeinneren. Die besonderen Innenraumqualitäten prägen damals wie heute den Schulalltag der Schülerinnen und Schüler. Dabei finden Innenraumqualitäten und komplexe Raumzusammenhänge ihre folgerichtige bauliche Übersetzung in einer großen Zahl von Details. Wirken diese auf den ersten Blick auch etwas ruppig und einfach, so zeigen sie sämtlich einen hohen funktionalen Wert und eine ausgesprochene Kreativität. Sie dürfen als innovativ und intelligent bezeichnet werden und strahlen noch immer eine große Modernität aus.

Die großzügige Pausenhalle bildet das Rückgrat der Schule, ist „teils Ort, teils Weg“ (H. Scharoun, Lünen), und als Schulstraße mit unterschiedlichen öffentlichen Elementen – Pflanzbeeten, Trinkbrunnen, Sitzgelegenheiten – ein belebter und kommunikativer, ja verbindender Ort zwischen den Schülern aller Jahrgangsstufen. Hans Scharoun hat seinerzeit für die Schülerinnen der unterschiedlichen Jahrgänge Klassenwohnungen konzipiert, die durch ihre unterschiedliche Offenheit dem allgemeinen Schulleben gegenüber, dem jeweiligen Entwicklungstand der Kinder und jungen Erwachsenen entsprachen. Sein Ziel war es, die geistige und seelische Entwicklung der Mädchen in einer weitgehend familiären Umgebung zu ermöglichen. Jede Klassenwohnung, Scharoun bezeichnete diese auch als Schulwohnung, besteht aus einer Raumfolge von Garderobe, Klassenraum, Gruppenraum sowie einem ihr zugeordneten Freibereich. Während sich die Klassenwohnungen für die Schüler der Unter- und Mittelstufe im Erdgeschoss befinden, ebenso wie die Naturwissenschaften, die Räume der Verwaltung, der Schülerselbstverwaltung und der Bibliothek, sind die Räume für Schüler der Oberstufe zusammen mit den Atelierräumen für Kunst- und Musik im Obergeschoss untergebracht.

Das Erhalten dieses Standortes – auch unter kritischer Würdigung der jüngeren Ergänzungen – sichert der Nachwelt nicht nur einen hochinteressanten Schulorganismus, sondern auch ein selten facettenreiches und spannungsvolles Schulhaus. Die Wüstenrot Stiftung nahm daher die Geschwister-Scholl-Gesamtschule in ihr Denkmalprogramm auf und ließ im Jahr 2007 im Rahmen einer Machbarkeitsstudie zur Erhaltung, baulichen Instandsetzung und Weiternutzung der Geschwister-Scholl-Schule in Lünen den notwendigen und denkmalverträglichen Sanierungsaufwand klären. Das beauftragte Architekturbüro Profs. Spital-Frenking + Schwarz aus Lüdinghausen Dortmund begleitete im Anschluss daran die probeweise Instandsetzung von zunächst einer Klassenwohnung, um mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen die weitere Vorgehensweise bestimmen zu können. Anschließend wurde der Scharoun-Bau in den Jahren 2009 bis 2013 bei laufendem Schulbetrieb in drei Bauabschnitten denkmalgerecht energetisch saniert und baulich instand gesetzt.

Ziel der Instandsetzung war es, die Scharoun´sche Architektur wieder erlebbar zu machen: räumliche Zusammenhänge, die z.T. verbaut waren, wurden wiederhergestellt und nachträgliche, störende An- und Einbauten zurückgebaut. Gleichzeitig ist das ursprüngliche, sehr differenzierte Lichtkonzept, das unterschiedliche Helligkeiten, Tageslichtstreuungen und Beleuchtungssituationen vorsieht, nach der Instandsetzung wieder erfahrbar. Hierzu wurden z.B. die ursprünglichen Oberlichtverglasungen, die durch den Einsatz von Ornament- und satiniertem Glas einen diffusen Lichteinfall ermöglichten, durch eine baugleiche Isolierverglasung ersetzt. Der große Bestand an bauzeitlichen Leuchten wurde technisch ertüchtigt, fehlende Exemplare an wesentlichen Stellen durch originalgetreue Nachbauten ergänzt. An wenigen Stellen wurden abgängige Leuchten durch zeitgenössische Exemplare ersetzt.

Ein Schwerpunkt der Sanierungsarbeiten war es, die Oberflächen des Schulgebäudes instand zu setzen. So ist der Bodenbelag, bauzeitlich ein silbergraues Linoleum, als Sonderproduktion in der ursprünglichen Farbe angefertigt und wieder verlegt worden. Ebenso wichtig war es, das Farbenspiel des Scharoun´schen Baus durch aufwendige Arbeiten an den Wand- und Deckenoberflächen dem bauzeitlichen Zustand anzunähern. Dazu wurden nahezu alle Flächen von Restauratoren auf ihre ursprüngliche Farbigkeit untersucht. Nachträgliche, die bauliche Substanz gefährdende, und mitunter PCB-belastete, Anstriche wurden entfernt, um anschließend die farbliche Erstfassung unter einer Schutzschicht zu erhalten. Einige der bauzeitlichen Wandbilder, die seinerzeit von dem Künstler-Ehepaar Albitz aus Berlin nach Entwürfen der Schülerinnen an die Wand gebracht wurden, konnten im Rahmen der Instandsetzung restauriert werden. Andere sind heute unter vielen Deckschichten verborgen. Da eine Freilegung den Verlust der Bilder bedeuten würde, sollten hier in einem Schülerwettbewerb neue Wandbilder entstehen.

Darüber hinaus galt es, das Baudenkmal an heutige Standards der Technik, des Wärmeschutzes und des Brandschutzes heranzuführen. Daher erfolgte neben einer umfangreichen energetischen Sanierung – u. a. Einbau von Isolierverglasungen in die bestehenden hölzernen Fensterrahmen und Dämmung der Dächer – auch eine nahezu vollständige Erneuerung der Elektrotechnik. Die bauzeitliche Luftheizungsanlage der Geschwister-Scholl-Gesamtschule ist eine hoch zu würdigende, der Baukörpergliederung angepasste, technikgeschichtliche Besonderheit. Diese war bereits in den 1950er Jahren technisch sehr fortschrittlich konzipiert und wurde nun mit neuester Technik ertüchtigt. Hierzu wurden die zwischenzeitlich installierten, zentral gesteuerten Radiatoren zurückgebaut. Das bauzeitliche Heizkonzept, das für jeden Klassenraum eine separate Regelung vorsah und neben einer guten Lüftung durch die Fußbodenheizung auch eine hohe Behaglichkeit erzielte, wurde mit modernen Klimageräten (Regenerativ-Energieaustauscher, Temperatur-wirkungsgrad von 94%) revitalisiert.

Zudem wurde das Gebäude brandschutztechnisch ertüchtigt: die bisher offenen Treppenräume erfuhren eine transparente Einhausung in der Qualität T30 RS, die Pausenhalle ist nunmehr über einen Rauchschutzvorhang in zwei Abschnitte teilbar. Im Rahmen der Instandsetzung wurde auch eine Schadstoffsanierung durchgeführt.

Besondere Bedeutung kam bei der Instandsetzung auch der elementaren Beziehung zwischen Innen- und Außenraum zu: durch die Rückführung der Außenanlagen auf ein dem Gebäude angemessenes Maß sowie die Sanierung von Oberflächen (Bodenbeläge, Sitzbänke, Rankgitter, Sonnenschutzelemente) stehen Architektur und Außenraum jetzt wieder in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander.
Die Bauherren-Gemeinschaft aus Wüstenrot Stiftung und Stadt Lünen finanzierte die Maßnahme. Durch zusätzliche Fördermittel aus dem Investitionspakt zur energetischen Erneuerung sozialer Infrastruktur von Bund und Land standen insgesamt 8.566.000 Euro für die Sanierung der 6450 qm großen Schule zur Verfügung.

Aktuelle Impressionen

Bilder der Geschwister-Scholl-Schule in Lünen zwei Jahre nach der Wiedereröffnung 2013.