Gemeindezentren türkeistämmiger Muslime als baukulturelle Zeugnisse deutscher Einwanderungsgeschichte

Foto: Espen Eichhöfer © Wüstenrot Stiftung

Foto: Espen Eichhöfer © Wüstenrot Stiftung

Die Gemeindezentren türkeistämmiger Muslime in Deutschland sind bauliche Zeugnisse einer jahrzehntelangen Einwanderungsgeschichte. Sie sind wichtige Bezugsorte für die Gemeinden und ihre Mitglieder, weil sie ein sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit setzen – als Schnittstelle zur Herkunft ebenso wie zur Gegenwart.

In den vergangenen rund 50 Jahren sind geschätzt mehr als 2.000 islamische Gebetsstätten entstanden: zu Beginn oft in einzelnen Wohnräumen oder in umgenutzten Gewerbebauten, inzwischen auch in neu errichteten, repräsentativen Gebäudekomplexen.

Architektur repräsentiert stets auch Zugehörigkeiten, Werte und Normen. Die Architektur vieler dieser Gemeindezentren entsteht nicht als Import herkömmlicher Modelle, sondern schafft neue Raumtypologien, Nutzungen und Betriebsmodelle
als Folge der besonderen Situation in Deutschland und der Herausforderungen, die für eine erfolgreiche Integration zu bewältigen sind. Ähnlich anderen kulturellen Repräsentationen sind sie Ergebnisse von Aushandlungen, die sich nicht nur in Initiativen für oder gegen repräsentative Moscheebauten ausdrücken, sondern auch in der fördernden oder bremsenden Auslegung des deutschen Planungsrechts.

Das Projekt

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Wüstenrot Stiftung und der Universität Siegen untersucht diese Gebetsstätten. Nicht aus einer politischen oder normativen Perspektive, sondern mit einem für die empirischen Gegebenheiten offenen
Ansatz. Im Fokus stehen nicht nur Ästhetik und Kultur, sondern auch jene Bedingungen, welche ihren Entstehungsprozess
und damit ihr Erscheinungsbild, ihre Funktionsweise und ihre Lage im Stadtraum beeinflussen. Zu diesen Bedingungen
zählen die finanziellen Ressourcen, der rechtliche Rahmen, die lokalpolitische Situation, das unterschiedliche Selbstverständnis der Gemeinden, die Selbsthilfe oder eine professionelle Bauerstellung.

Den Kern der wissenschaftlichen Analyse bilden in diesem Projekt keine repräsentativen Neubauten – welche meist im
Fokus der öffentlichen und fachlichen Wahrnehmung stehen –, sondern umgenutzte oder angepasste Bestandsgebäude in unterschiedlichen Stadträumen.

Die Erfassung dieser Fallbeispiele ermöglicht es, übertragbare Formen, Strukturen und Entstehungsprozesse herauszuarbeiten. Die Gemeindezentren treten so als Teil der Baukultur, als Faktor der Stadtentwicklung und als Denkmale (gebaute Zeugnisse) einer Einwanderungsgesellschaft zutage.

Projektlaufzeit:Kooperationspartner:
seit 2016Prof. Dr. Chantal Munsch, Kathrin Herz,
Marko Perels, Prof. Ulrich Exner, Gerrit Schwalbach, Universität
Siegen