Internationale Fachtagung „Die Erneuerung des Wohnens − Europäischer Wohnungsbau 1945-1975“

Podiumsdiskussion „The Private Space“ (Foto © Entwerfen und Wohnungsbau, TU Darmstadt)

Podiumsdiskussion „The Private Space“ (Foto © Entwerfen und Wohnungsbau, TU Darmstadt)

Der Großteil des Wohnbaubestands in Europa wurde zwischen 1945 und 1975 neu errichtet. Die Gründe hierfür liegen im Wiederaufbau Europas nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und in der ökonomischen Boomphase ab den späten 1950er-Jahren. Der öffentlichen Hand kommt in dieser kurzen historischen Phase eine besondere Rolle zu. So mussten der Staat oder staatlich geförderte Institutionen die große Wohnungsnot beseitigen und hatten gleichzeitig die einmalige Gelegenheit, ihre (wohn-)politischen Ideale zu verwirklichen.

Doch waren die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen der Nachkriegszeit in Europa nicht homogen. Lässt sich also im Geschosswohnungsbau der Nachkriegsmoderne, das regional beziehungsweise lokal Spezifische identifizieren? Welche Rolle spielen dabei die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und welches Gewicht haben architektonische Traditionen? Und gibt es übergreifende Themen und Charakteristika, die die Architektur des Wohnens dieser historischen Phase auszeichnen?

Der Lehrstuhl Entwerfen und Wohnungsbau der Technischen Universität Darmstadt, Fachbereich Architektur verfolgt diese Fragestellung im mehrjährigen Forschungsprojekt „Wohnen in Europa“, das verschiedene Städte Europas auf Grundlage einer breit angelegten historischen Recherche untersucht. Gemeinsam mit der TU Darmstadt und dem Deutschen Architektur Museum in Frankfurt führte die Wüstenrot Stiftung am 24. und 25. November 2016 hierzu eine international besetzte Fachtagung durch.

Die Tagung «Die Erneuerung des Wohnens – The Renewal of Dwelling» thematisierte den geförderten europäischen Geschosswohnungsbau zwischen historisch gewachsenen Standards, Konventionen und Normen und der Suche nach neuen Wohnformen, innovativen technisch-konstruktiven Möglichkeiten sowie alternativen ästhetischen Idealen. Im Fokus stand die Frage, wie eine grundlegende Erneuerung des Wohnens und deren architektonische Umsetzung gelingen konnten. Diese Betrachtung ist vor dem Hintergrund gegenwärtig mangelnder öffentlicher – staatlicher wie kommunaler – Initiativen im Wohnungsbau in Deutschland von hoher Brisanz.

In einer begleitenden Ausstellung wurden erstmals die Resultate des Forschungsseminars «Wohnen in Europa» von Studierenden der Architektur der TU Darmstadt (Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau) vorgestellt. Gezeigt wurden rund siebzig architektonisch herausragende und international wenig bekannte Geschosswohnbauten aus Brüssel, Zagreb, Köln, Oslo, Porto, Lyon und Athen. Im Vergleich der Projekte wurde die Auseinandersetzung zwischen internationalen Idealen und partikularistischen Bestrebungen einzelner Städte und Architektengruppen sichtbar.

An zwei Tagen tauschten sich Forscher aus acht europäischen Ländern zu Wohnbauprogrammen und Geschosswohnbauten in der Nachkriegszeit aus.

24.11.2016
Panel 1: Fokus Politik/ Wohnbauprogramme im Vergleich

Einführungsvortrag zum Forschungsseminar „Wohnen in Europa“ von Elli Mosayebi, Architektin, Professorin für Entwerfen und Wohnungsbau der Technischen Universität Darmstadt

“Three Rooms and a Kitchen: The Norwegian Welfare State, OBOS and the new Family Dwelling” von Anne-Kristine Kronborg, Researcher, Oslo School of Architecture and Design

“The SAAL Housing Process: a legacy of the 1974 Portugese Revolution” von Nuno Grande, Researcher, Center for Social Studies, University of Coimbra

„Half a century of modern housing: Lyon (1945-1975), From reconstruction to large rent-controlled housing ensembles HLM“ von Philippe Dufieux, Professor für Geschichte und Kultur der Architektur, ENSAL Lyon

„Avant-garde in public office: Housing at the London Country Council, 1950-1960“ von Irina Davidovici, Researcher, gta, ETH Zürich

Keynote „The State of Housing in the EU and the ‚Housing for All‘ vision“ von Michail Goudis, Journalist, Housing Europe Communications Director, Brüssel

25.11.2016
Panel 2: Fokus Architektur/ Geschosswohnbauten im Vergleich

„Oswald Mathias Ungers and the ‚City as a Work of Art‘: The ‚Neue Stadt‘ in Cologne, 1961-64“ von Jasper Cepl, Professor für Architekturtheorie, Hochschule Anhalt, Dessau

„Interpolation-Extrapolation: Drago Galic’s Residential Buildings at Svacicev Square and Vukovarska Street and their Two Paradigmatic Design Gestures“ von Karin Šerman, Professorin für Theorie und Geschichte der Architektur, Universität Zagreb

„La ‚Cite Modèle‘ vs. ‚Etrimo‘ – The Capital of Europe’s Housing Construction and the Struggle Between Public and Private Initiatives“ von Irene Amanti Lund, Leiterin des Architekturarchivs der Université Libre La Cambre-Horta, Brüssel

„Nea Philadelphia and the work of Aris Konstantinidis as the head of the Social Housing Organization, 1955-1957“ von Panayotis Tournikiotis, Professor für Theorie und Geschichte der Architektur, NTUA Athen

Abschlussdiskussion „The private space“ mit allen Referenten.

Projektlaufzeit:2015-2016
Kooperationspartner:Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main; Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau, TU Darmstadt