Bildung, Kunst und Kultur in kleinen Gemeinden – Schlüsselfaktoren für die zukünftige Entwicklung!

© Milena Schlösser |  www.milenaschloesser.de

(Foto © Milena Schlösser | www.milenaschloesser.de)

Viele kleine Gemeinden befinden sich in Deutschland in einer Phase des Umbruchs. Die Auswirkungen der auch in den ländlichen Regionen sinkenden Geburtenzahlen, die ausbildungs- oder arbeitsplatzbezogene Abwanderung der Jüngeren sowie verschiedene Prozesse des wirtschaftlichen Strukturwandels können auf der räumlichen Ebene der kleinen Gemeinden kumulieren und sich gegenseitig verstärken. Ein überdurchschnittlicher Bevölkerungsrückgang und eine dynamische Veränderung im Altersaufbau der Bevölkerung gehören zu den Folgen.

Dennoch können viele kleine Gemeinden ihre Zukunft weiter aktiv beeinflussen und gestalten. Schlüsselfaktoren für diese Gestaltungsmöglichkeiten können in besonderen Angeboten in den Bereichen Bildung, Kunst und Kultur bestehen. Sie leisten wichtige Beiträge zur örtlichen Lebensqualität, zur Identifikation mit dem Wohnort und zur Erhaltung eines regionalen Selbstbewusstseins. Durch sie können Dorfzentren stabilisiert oder revitalisiert werden, kleine Gemeinden als Wohnorte für zuziehende Bürgerinnen und Bürger attraktiv bleiben oder alte, kulturhistorisch wertvolle und identitätsstiftende Bausubstanz durch neue, wirtschaftlich beherrschbare Nutzungen erhalten werden.

Mit Hilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnologien können neue und differenzierte Bildungsangebote auch in kleinen Gemeinden aufgebaut werden. Informelle Vereins- und Begegnungsstrukturen für alle Generationen ermöglichen es jüngeren Menschen oder neu Zugezogenen, eine individuelle Form der Beteiligung zu wählen. Kulturelle Identität und traditionelle Gemeinschaft können sich dann so weiter entwickeln, dass sie zu den heutigen Lebensentwürfen passen, die sich auch in kleinen Gemeinden gewandelt haben.

Die Wüstenrot Stiftung suchte mit Hilfe eines bundesweiten Wettbewerbes nach solchen Konzepten und Angeboten zu Bildung, Kunst und Kultur in kleinen Gemeinden. Sie möchte damit auf das breite Spektrum von Angeboten und Konzepten in den Bereichen Bildung, Kunst und Kultur aufmerksam machen und auf die vielfältigen Chancen hinweisen, die daraus für die zukünftige Entwicklung von kleinen Gemeinden entstehen.

Mit 295 Einsendungen, die aus ganz Deutschland stammen, ist aus dem Wettbewerb ein aktueller, umfassender Überblick entstanden. In seiner Durchführung wurde die Wüstenrot Stiftung von einem fachübergreifenden, unabhängigen Preisgericht unter dem Vorsitz von Bürgermeisterin Elisabeth Herzog-von der Heide unterstützt. Die Organisation des Wettbewerbes und die Vorprüfung der Einsendungen hatte die Arbeitsgruppe für Sozialplanung und Altersforschung (AfA, München) übernommen.

Den entscheidenden Beitrag leisteten jedoch die Teilnehmer an diesem Wettbewerb mit ihren Einsendungen und mit ihrer Bereitschaft, die eigenen Erfahrungen, Erfolge und Konzepte offen zu legen. Es ist sehr beeindruckend, welche Vielfalt es bundesweit an unterschiedlichen Initiativen und Projekten gibt und mit welchem Engagement sich viele Menschen um die Entwicklung in ihren Gemeinden und um die mit diesen Angeboten für ihre Mitbürger verbundene Lebensqualität verdient machen.

Aus Sicht des Preisgerichts ragen unter dem besonderen Blickwinkel der Kriterien dieses Wettbewerbs die prämierten Projekte sowie die Einsendungen der Engeren Wahl heraus. Sie wurden zwischen einer ersten Sitzung des Preisgerichtes besucht, um weitere Informationen zu erhalten und um im Gespräch mit den Initiatoren und Verantwortlichen einen direkten Eindruck zu gewinnen. Einmal mehr hat sich dabei bestätigt, dass es in erster Linie die Menschen vor Ort sind, die mit ihrem Engagement und mit ihrer Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung einen wesentlichen, nicht ersetzbaren Anteil an der Gestaltung der Zukunft haben.

Die prämierten Einsendungen und die Projekte aus der Engeren Wahl des Preisgerichtes wurden in einer Buchdokumentation und in einer Wanderausstellung der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Die Wüstenrot Stiftung will damit einen Beitrag leisten, die Information über die Bedeutung von solchen Angeboten für die Gestaltung der Zukunft von kleinen Gemeinden und für die Lebensqualität der Menschen weiter zu verbreiten.

Der erste Preis verbunden mit einem Preisgeld von 10.000 Euro ging an:

„Kunst in Dorf“ in Oberhembach/Pyrbaum:
„Der Kern ist zunächst klein – drei engagierte Bürgerinnen von Oberhembach gründeten 2001 das Projekt KUNST IM DORF. Heute bringt dieses Ereignis das ganze Dorf auf die Beine und bewegt zum Mitmachen. Rund um den Kunststadel präsentierten im Jahr 2011 insgesamt 38 Oberhembacher Künstler/innen sich und ihre Werke an unterschiedlichen Stätten und auf vielerlei Weise. Viele andere Bewohner unterstützen die Veranstaltung als Einzelpersonen oder über ihre Vereine, beispielsweise durch die Bereitstellung ihrer privaten Häuser und Gärten oder die Mithilfe bei der Organisation. Die Seebühne gehört dabei vor allem den jungen Oberhembachern. Sie übernehmen mit selbstinszenierten und selbstverantworteten Tanzprogrammen einen von den Zuschauern besonders geschätzten Programm-Höhepunkt.
Die Eigeninitiative der Dorfgemeinschaft umfasst längst auch viele weitere Belange und Aufgaben; sei es die aktive Verantwortung für den öffentlichen Raum, sei es die kreative Suche nach einem neuen Pächter für die leer stehende Dorfwirtschaft („Dorf sucht Wirt“ als Casting-Show). Sie ist Ansprechpartner und Ideengeber für die Gemeinde. Ausgehend von dem Projekt KUNST IM DORF ist so eine neue Interpretation traditioneller Dorfgemeinschaft entstanden, die bewusst auf formale Organisationsstrukturen verzichtet. Sie steht allen Bewohnern für ihre je eigene Form der Mitwirkung offen und wird von ihnen aktiv genutzt.
Die Jury ist davon überzeugt, dass die Dorfgemeinschaft auch zukünftig neue Projekte und neue gemeinsame Aktionen aufgreifen wird. Denn die Lebendigkeit, der Optimismus und die positive Stimmung im Ort basieren auf den erreichten Erfolgen und der Überzeugung, durch eigene Vielfalt, Kreativität und kollektive Aktionen eine Lösung für wichtige Aufgaben und Probleme finden zu können.“

Zwei Auszeichnen in Höhe von 5.000 Euro gingen an:

Eiskeller Haindling e.V.:
„Der Verein wird ausgezeichnet für sein mehrjähriges Engagement für das Gemeinwesen. Mit dem Aus- und Umbau des Eiskellers zu einem Café und Dorfladen wurde ein neuer Treffpunkt für Jung und Alt geschaffen. Mit den Kulturveranstaltungen wie beispielsweise den thematischen Ortsführungen, Musikveranstaltungen und Malkursen wurden neue Freizeitimpulse im Dorf gesetzt. Über das alle drei Jahre stattfindende „Nacht- und Nebelfest“ ist der Ort inzwischen überregional bekannt. Die Aktivitäten werden durch das gemeinsame „Anpacken“ aller Vereine und der Bewohner, ein gutes Miteinander und eine unbürokratische Arbeitsteilung gesichert. Die Gemeinde stellt dafür den Eiskeller unentgeltlich zur Verfügung. Neben der Eigenfinanzierung der Projekte werden auch Eine Welt Projekte unterstützt. Der Verein Eiskeller Haindling e.V. wird für sein gemeinnütziges Engagement ausgezeichnet. Die vielfältigen Angebote fördern das soziale Miteinander und die Gemeinschaft. Durch die Übernahme der verschiedenen Aufgaben durch die Vereinsmitglieder wird die Verantwortung auf mehrere Schultern verlegt und der kulturellen Entwicklung wurden neue Impulse gegeben. Dieses hat die Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrem Ortsteil Haindling verstärkt.“

Förderverein Gortz e.V.:
„Der Förderverein Gortz e.V. hat in vorbildlicher Weise zunächst die Dorfkirche und in einem zweiten Schritt ebenfalls die angrenzende Dorfschule in Kooperation mit der Kommune vor dem Verfall gerettet. Diese Ortsbild prägenden Gebäude werden ebenso wie die angrenzenden Freiflächen seit dem für eine Vielzahl kultureller Veranstaltungen genutzt. Insbesondere die Räume der Dorfschule stehen auch den Bürgern des Orts und der umliegenden Gemeinden für eigene Veranstaltungen zur Verfügung. Es ist dem zunächst mittellosen Verein gelungen, den notwendigen Eigenanteil zur Einwerbung von Fördermitteln durch ein unkonventionelles Konzept der Vermarktung selbst hergestellter Produkte zu erwirtschaften. Die von dem Förderverein angestoßenen Aktivitäten und erzielten Ergebnisse sind ein hervorragendes Beispiel für die Möglichkeiten, die in einer kleinen Ortschaft mit 200 Einwohnern entwickelt werden können, wenn Projekte zur Schaffung einer örtlichen Infrastruktur mit Mut und Entschlusskraft, aber auch den notwendigen Netzwerkkontakten umgesetzt werden.“

Fünf Einsendungen erhielten je eine mit 1.000 Euro versehene Anerkennung:

Dorfakademie Höhenland
„In der Dorfakademie Höhenland engagieren sich die rein ehrenamtlich agierenden Vereinsmitglieder vorrangig für die Bereitstellung pädagogischer Angebote insbesondere für Kinder und Jugendliche sowie sozial benachteiligte Personengruppen unter Integration behinderter Menschen. Die Verbesserung der Bildungs- und Lebenschancen im ländlichen Raum als Entgegnung auf Abwanderungsprozesse sowie der Abbau von Bildungsbenachteiligung stehen im Mittelpunkt. Herausragend ist das soziale, von großer Verantwortung für die gemeinschaftliche Entwicklung getragene und in vielfältige Netzwerke eingebundene Engagement.“

Kulturlandschaft Halbinsel Mönchgut
„Der 140 Mitglieder zählende Förderverein ist ein Netzwerkknoten unterschiedlichster Akteure für die vielfältigen zukunftsweisenden Aktivitäten in der kleinen Ostseegemeinde. Beispielhaft wird mit dem Museumskomplex ein identitätsstiftendes Zeugnis der gebauten Umwelt für Einheimische und Touristen weiterentwickelt und im Ort platziert. Durch die konsequente Einbindung von Kindern und Jugendlichen in den Prozess wird deren Bewusstsein und Engagement, sich für die Kulturwerte ihrer Heimat einzusetzen, gefördert und trägt sie zu einer langfristigen Stärkung des Gemeinwesens bei.“

KuKuNaT e.V.
„Das Projekt basiert auf einer genial einfachen Idee und führt zu einem breiten Engagement der Ortsbevölkerung.Durch den niederschwelligen Ansatz kann sich jede/r entsprechend den individuellen Fähigkeiten als KünsterIn einbringen; dies schließt ausdrücklich auch die Beteiligung von Menschen mit Behinderung mit ein. Die innovative Auseinandersetzung mit Kunst schafft neue Kommunikationsformen und stärkt die Dorfgemeinschaft in bemerkenswerter Weise. Hervorzuheben ist auch das private Engagement der Initiatorin und darüber hinaus die Bereitschaft der Dorfbewohner, ihre Privaträume für das Projekt zur Verfügung zu stellen.“

Schwarzwurzel
„Das Projekt schafft örtliche Identität, die viele Ortsbewohner als Akteure einbindet. Es gelingt durch eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes das Heimatgefühl zu stärken. Dies wird maßgeblich durch die Nutzung von leer stehenden Gebäuden als Spielstätten unterstützt.
Durch die Einbindung von professionellen Schauspielern und Projektbegleitern gelingt es, die Potentiale der Ortsansässigen in bemerkenswerter Weise zu aktivieren. Die Jury sieht durch den Aufbau der Vereinsstruktur eine gute Chance zur Verstetigung des Projekts.“

Denkmal Kultur-Mestlin e.V.
„Ziel des Vereins „Denkmal Kultur-Mestlin e.V.“ ist die Erhaltung und Nutzung des denkmalgeschützten Ensembles „Sozialistisches Musterdorf Mestlin“ durch Kunstausstellungen und unterschiedlichste Veranstaltungen. Dieser unverkrampfte Umgang mit den steinernen Zeitzeugen der DDR-Zeit wird von den Akteuren auch als Motor zur Aktivierung und Sanierung des Orts, zur Erhöhung seiner Attraktivität und damit auch zur Verbesserung und Stabilisierung der Arbeits- und Einkommenssituation gesehen. Mit der Nutzung des Kulturhauses als Zentrum regionaler und überregional ausgerichteter Aktivitäten, vor allem auch unter Einbeziehung Jugendlicher, füllt der Verein mit viel Mut das Objekt mit neuen Inhalten.“

Eine Sonderanerkennung ging an:

Ländliche Akademie Krummhörn
„Die Ländliche Akademie Krummhörn – LAK erhält eine Sonderanerkennung für die bildungs- und kulturpolitischen Aktivitäten in der Gemeinde Krummhörn. Dem Verein mit ca. 600 Mitgliedern ist es gelungen ein vielfältiges kulturelles, kunsthandwerkliches und musikalisches Kursangebot für Jung und Alt in den 19 Ortsteilen zu etablieren. Die Angebote werden nunmehr seit 30 Jahren dezentral in örtlichen Gebäuden in den Ortsteilen und unter Mitwirkungen der Bewohner organisiert. Dabei wird besonderer Wert auf die regionale Geschichte der Gemeinde gelegt. Das Angebot macht die LAK zu einem unverzichtbaren Bildungsträger in der Region. Die Qualität seiner Veranstaltungen ist überregional bekannt.“