Unsere Zukunft in kleinen Gemeinden – Gemeinschaftlich | Innovativ | Wertvoll und Wertschöpfend

Die Preisverleihung fand am 11. September 2015 im Deutschen Architektur Zentrum in Berlin statt. (Foto: Alain Roux © Wüstenrot Stiftung)

Der Alltag und das Leben in kleinen Gemeinden verändern sich. Die Auswirkungen des in Deutschland rasch fortschreitenden demografischen Wandels werden hier häufig mit beson­derer Dynamik wirksam. Ähnlich verhält es sich mit zahlreichen wirtschaftsstrukturellen Ver­änderungen; deshalb werden die Entwicklungsperspektiven kleiner Gemeinden pauschal oft als geringer eingestuft als die Zukunftsaussichten der Städte.

  • Hat das Lebensmodell des Arbeitens und Wohnens in kleinen Gemeinden deshalb bald nur noch eine marginale Bedeutung oder ist es in absehbarer Zukunft sogar ganz im Ver­schwinden begriffen?
  • Sind kleine Gemeinden nur noch als Schlafstätten für Pendler überlebensfähig, denen es aufgrund wachsender Pendeldistanzen immer schwerer fällt, am Leben und an der Ge­meinschaft in den kleinen Gemeinden teilzunehmen?
  • Lösen sich traditionelle dörfliche Gemeinschaften mangels Nachwuchs nach und nach auf, weil es für sie an Zukunftsperspektiven und an Modellen für eine Anpassung an ver­änderte Lebensentwürfe und für eine Integration individueller Bedürfnisse fehlt?

Nein. Trotz der tatsächlich oft schwierigen Rahmenbedingungen und zahlreichen Herausfor­derungen befinden sich viele kleine Gemeinden und Dorfgemeinschaften auf einem eigenen Weg, der eine Brücke zwischen Tradition und Zukunft bilden kann. Als Grundlage wählen sie häufig neue Formen der Kooperation, sowohl in der Organisation des beruflichen Alltags als auch bei individuellen Bedürfnissen und Neigungen. Neu geschaffene Netzwerke dienen der Verwirklichung gemeinsamer Interessen und der Sicherung wichtiger Facetten der privaten Lebensqualität; sie unterstützen die Bewahrung einer gemeinsamen Identität und tragen zur weiteren Entwicklung des ganzen Ortes bei.

Die Wüstenrot Stiftung suchte mit einem neuen Wettbewerb „Land und Leute“ nach Konzep­ten und Projekten, die aus einer Verbindung von Kooperation, Tradition und Innovation bei­spielhaft für die Entwicklung in kleinen Gemeinden stehen können. Dabei geht es um alle Arten der Überführung der in kleinen Gemeinden traditionell vorhandenen Gemeinschaft in neue Formen von gemeinsamer Identität und sozialer Nachbarschaft.

Mit 240 Einsendungen aus dem ganzen Bundesgebiet ist aus diesem Wettbewerb ein aktu­eller, umfassender Überblick entstanden. Eine unabhängige Jury hat in mehreren Sitzungen, zwischen denen eine Reihe von Wettbewerbsbeiträgen auch vor Ort besichtigt wurden, über die Vergabe der Prämierungen und der Preisgelder in Höhe von insgesamt 31.500 Euro ent­schieden.

Der erste Preis verbunden mit einem Preisgeld von 10.000 Euro ging an:

Dorfgemeinschaftshaus Dechow
(ca. 200 Einwohner/innen, Mecklenburg-Vorpommern). In Dechow stand eine zentral im Dorf gelegene ehemalige Gaststätte nach der Wende einige Jahre leer und drohte zu zerfallen. Engagierte Bürger/innen fassten gemeinsam den Beschluss, das Gebäude zu kaufen, zu sanieren und einer neuen, gemeinschaftlichen Nutzung zuzuführen. Mit viel Eigenleistung, Mut und Hartnäckigkeit ist das Dorfgemeinschaftshaus in den letzten Jahren zu einem echten Mittelpunkt des Dorfes geworden; als multifunktionaler Treffpunkt dient es u.a. für gesellige Veranstaltungen, überregional bekannte Kulturtage, als Infostation sowie als Bil­dungs- und Übernachtungsstätte für Kinder und Jugendliche.
Dechow ist auch ein Spiegel für die Brüche in der jüngeren deutschen Geschichte. Nach einem nahezu vollständigen Bevölkerungsaustausch 1945 und den besonderen Rahmenbe­dingungen, die sich in den folgenden Jahrzehnten aus der Lage im unmittelbaren Schatten der innerdeutschen Grenze ergaben, stand in den 1990er Jahren eine neue Phase der Ori­entierung und des Aufbruch an. Ausgehend vom Projekt des Dorfgemeinschaftshauses ent­wickelte sich eine intensive Diskussion über die zukünftige Ausrichtung des Dorfes und das Verständnis der Gemeinschaft.
Dieser erfolgreiche Prozess wird nun aktiv fortgesetzt; neue Impulse und Vorhaben, die der Bewältigung neuer Aufgaben und Herausforderungen dienen (z. B. Seniorenwohnen), haben die Jury des Wettbewerbes davon überzeugt, dass die Dorfgemeinschaft in Dechow auch in Zukunft weiter von ihrem gemeinsamen Projekt begleitet und bereichert wird.

Zwei Auszeichnungen mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro gingen an:

Stiftung Landleben in Kirchheilingen
(ca. 790 Einwohner/ innen, Thüringen). In dieser Stiftung versuchen vier Nachbargemeinden gemeinsam, länd­liche Wohnkultur zu erhalten und zu fördern, der Bevölkerung ein attraktives Umfeld und ein interessengerechtes, finanzierbares Wohnen mit einem Verbleiben in der vertrauten Um­gebung zu bieten und dabei ein altersgerechtes Wohnen mit einer Wiederbelebung der länd­lichen Bausubstanz zu verbinden. Die für solche Vorhaben erforderlichen finanziellen Hand­lungsspielräume konnten sich die Gemeinden durch das Einbringen von Grundstücken als Stiftungskapital eröffnen.
Nach ihrer Gründung 2011 hat es die Stiftung u. a. in kurzer Zeit geschafft, acht barrierefreie Bungalows in zentraler Lage in drei Orten zu errichten. Sie sind ein Angebot für die älteren Menschen, die aufgrund von Alter oder Gesundheit eine barrierefreie Wohnung benötigen.
Ergänzend dazu konnte die Stiftung den Schulstandort in Kirchheiligen erhalten und trägt damit zur Zukunftsfähigkeit der Mitgliedsgemeinden bei. Die Jury sieht in dem umfassenden Konzept der Stiftung Landleben, das neben touristischen Angeboten auch regionale Wirt­schaftskreisläufe und lokale Infrastrukturangebote einschließt, ein großes Potential für die Entwicklung der Region und ein gelunges Beispiel für die Möglichkeiten interkommunaler Kooperation.

Interessensgemeinschaft Mörz
(ca. 200 Einwohner/ innen, Rheinland-Pfalz). Die Interessengemeinschaft Mörz wurde im Jahr 1992 mit dem Ziel gegründet, die gemeinsamen und nachbarschaftlichen Beziehungen im Dorf zu erhalten und auszubauen. Eine große Anzahl und Bandbreite von Veranstaltungen und Projekten dient inzwischen als Ankerpunkte für die Dorfgemeinschaft und gibt dem Ort eine individuelle Aus­strahlung und Anziehungskraft.
Die erfolgreiche Projektarbeit strahlt erkennabr auf das gesamte Dorf und sein attraktives Erscheinungsbild aus. Die breite Palette der Angebote und Initiativen, welche durch die Inte­ressengemeinschaft auf die Beine gestellt werden, reicht von einem Bücherschrank über zahlreiche Feste bis zum (neuen) Angebot eines Waldfriedhofes. Die Veranstaltungen und Feste sind an alle Generationen adressiert und haben inzwischen eine hohe Anziehungskraft für Besucher/innen aus der Region. Die Jury sieht in dem Projekt ein gelungenes Beispiel dafür, wie eine lebendige Dorfgemeinschaft erhalten und gepflegt werden kann. Die Interes­sengemeinschaft hat erreicht, dass sich die Einwohner/innen trotz der Nähe der Stadt weiter mit ihrem Dorf identifizieren und es nicht zum reinen „Schlafort“ wurde.

Eine Sonderauszeichnung ging an:

UNIKUM – Regionalladen in Altenkirchen
(ca. 6.150 Einwohner/innen, Rheinland-Pfalz). Der Regionalladen UNIKUM ist eine zentrale, gemeinsame Verkaufsstelle für Produkte von Künstlern, Kunsthandwerkern und Erzeugern aus der Region. Als größerer Ort mit Fremdenverkehr bietet Altenkirchen ein vergrößertes Marktpotential für die in der Region ansässigen und tätigen Menschen.
Der Regionalladen bietet ein Mietregalsystem an; seine Öffnungszeiten sind wesentlich von der Mitwirkung der Anbieter (Künstler, Handwerker) und weiterer ehrenamtlich Engagierter abhängig. Mit Unterstützung der Stadt Altenkirchen konnte ein nachhaltiges Modell dafür geschaffen werden, Produkte aus der Region über eine gemeinsame, zentralörtlich gelegene Verkaufsstelle besser vermarkten zu können. Der Regionalladen geht dabei über die reine Funktion einer Verkaufsstelle hinaus, weil er zusätzliche Angebote in Form eines Aktivitäten- und Informationszentrums bündelt, die sich an Besucher aus dem Ort, aus der Region und von weiter her richten. Die Jury sieht den UNIKUM-Regionalladen als vielschichtige und in­novative Plattform an, dessen Konzept auch auf andere Regionen sehr gut übertragen wer­den kann und hat deshalb entschieden, dieses Projekt mit einer Sonderauszeichnung zu prämieren.

Fünf Anerkennungen mit einem Preisgeld von je 1.000 Euro gingen an:

  • Die Aidhäuser Dorflädle UG für die Mehrgenerationenwerkstatt mit Dorfladen in Aid­hausen (ca. 760 Einwohner/innen, Bayern). Der Dorfladen wurde verbunden mit einem breiten Angebot an Veranstaltungen, das sich an alle Generationen richtet und das von Weiterbildungskursen und einer Bücherei bis zu einer Zukunftswerkstatt reicht. Themen und Schwerpunkte können von interessierten Bürgern auch selbst gesetzt werden.
  • Die Aktionsgemeinschaft Bohnetal in den Gemeinden Schmelz und Tholey (ca. 2.500 Einwohner/innen, Saarland) für das Gemeinde-, Ortsteil- und Landkreisgrenzen über­schreitende gemeinsame Angebot einer ehrenamtlichen, zentral organisierten Nachbar­schaftshilfe – die „Bohnetaler Muske(l)tiere“. Unterstützt werden angesichts des demo­grafischen Wandels vor allem ältere Menschen bei ihrer selbständigen Lebensführung.
  • Der Förderverein Jahmo e. V. für die Angebote „Willkommen bei Erna“ im Dorfgemein­schaftshaus „Erna“ in Jahmo (ca. 145 Einwohner/innen, Sachsen-Anhalt). Im Mittelpunkt bei „Erna“ stehen vielfältige Bildungsangebote für Kinder und Senioren, Projekttage für Schulklassen, kulturelle Veranstaltungen, eine Dorfakademie und der weitere Ausbau der Begegnungsstätte als Mittelpunkt der dörflichen Gemeinschaft.
  • Die Gemeinde Langenfeld (ca. 1.000 Einwohner/innen, Bayern) für das neu gebaute Angebot einer Tagespflege (Erdgeschoss) in Verbindung mit barrierefreien Wohnungen (Obergeschoss) im Ortskern. Dadurch wird das bereits bestehende, breite Ange­botsspektrum der „Dorflinde“ (Mehrgenerationenhaus) weiter ergänzt und ein wichtiger Baustein für eine vollständige Betreuungskette vor Ort geschaffen.
  • Die Initiative „Wieren 2030 – eine Dörfergemeinschaft packt an!“ in Wieren (ca. 2.950 Einwohner/innen, Niedersachsen). Die Bürgerinitiative beschäftigt sich in verschiedenen, ehrenamtlich organisierten Arbeitsgruppen und Projekten mit den Schwerpunktfragen der zukünftigen Entwicklung von Wieren in den Bereichen Versorgung, Leben und Wohnen, Verkehr und Wirtschaft.

Sonderanerkennungen gingen an:

  • Der „Hofheimer Land e.V.eine Allianz für lebendige Ortsmitten“ mit Sitz in Hofheim (Bayern). Sieben Gemeinden versuchen gemeinsam, ihre Dorfkerne zu stärken, die sozi­ale Daseinsvorsorge und die Mobilität ihrer Bevölkerung zu sichern, durch Leerstands­management und begleitende Förderangebote die Innenentwicklung zu forcieren und in­tegrierte, partizipativ erarbeitete ländliche Entwicklungskonzepte umzusetzen.
  • Der Kreativsaison e. V. mit Sitz in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern). Durch soge­nannte Kreativstammtische in kleinen Gemeinden wird der Austausch lokaler Akteure ini­tiiert, um gemeinsam einen nachhaltigen, sozial verantwortlichen Tourismus für Mecklen­burg-Vorpommern zu gestalten, der zugleich die kulturelle Vielfalt des Landes fördert. Mit neuen Medien wie internet-blogs werden erfolgreich jüngere Zielgruppen angesprochen.
  • Die Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft (Regionalverband für Kultur, Wis­senschaft und Bildung mit Sitz in Aurich, Niedersachsen). Das Kulturnetzwerk organisiert alle drei Jahre kulturtouristische Themenjahre (2013: „Land der Entdeckungen“), an dem sich Netzwerke und Projekte aus ganz Ostfriesland beteiligen. Es dient der Förderung des Tourismus und der Pflege von Identität, Tradition und gemeinschaftlichem Leben.
  • Die „Regional Versorgt – Energie und Nahversorgung in Bürgerhand eG“ mit Sitz in Uffenheim (Bayern). Nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima haben Bürger/innen eine Genossenschaft gegründet, um landkreisweit neue, wirtschaftlich tragfähige Ange­bote einer lokal orientierten Energie- und Nahversorgung, einer ressourcenschonenden Mobilität (Carsharing) und regionale (Wirtschafts-)Kreisläufe schaffen zu können.

Die Jury

Prof. Dr. Henning Bombeck, Universität Rostock
Dr. Sebastian Elbe, SPRINT wissenschaftliche Politikberatung, Darmstadt
Bürgermeisterin Kriemhild Kant, Balow
Dr. Stefan Krämer, Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg
Anne Ritzinger, Akademie für Raumforschung und Landesplanung Hannover
Renate Rüd, Kunst-im-Dorf, Oberhembach
Prof. Dr. Annette Spellerberg, Technische Universität Kaiserslautern      (Vorsitzende)

Kriterien für die Bewertung der Wettbewerbsbeiträge

Im Rahmen des Wettbewerbs wurden folgende Kriterien zugrunde gelegt:

  • Die Angebote verbessern die Attraktivität und die Qualität des Alltags und des Lebens in kleinen Gemeinden
  • Die Angebote tragen dazu bei, dass ein Brückenschlag zwischen Tradition und Zukunft entstehen kann und der soziale Zusammenhalt in kleinen Gemeinden gestärkt wird
  • Die Angebote und Modelle helfen dabei, lokal verfügbare Infrastruktur zu erhalten, auszu­bauen oder neu zu schaffen (z. B. in Form von Genossenschaften, Kooperationen, Netz­werken und regionalen Bündnissen)
  • Die Angebote, Konzepte und Modelle ermöglichen es, neue Formen und Potenziale für eine lokale und/oder regionale Wertschöpfung zu erschließen
  • Die Angebote, Konzepte und Modelle basieren auf einem gemeinsamen Engagement von Bürgerinnen und Bürgern und/oder in Verbindung mit der Gemeindeverwaltung und/oder örtlichen Unternehmen und/oder regionalen Partnern und Bündnissen …
  • Aus den Angeboten, Konzepten und Modellen entstehen neue Perspektiven zur Stärkung des Ortszentrums und zur Ertüchtigung oder Revitalisierung vorhandener Bausubstanz.