Wohnvielfalt

Gemeinschaftlich wohnen – im Quartier vernetzt und sozial orientiert

Projekt Kalkbreite, Zürich (Foto: Stefan Krämer © Wüstenrot Stiftung)

Projekt Kalkbreite, Zürich (Foto: Stefan Krämer © Wüstenrot Stiftung)

„Bezahlbarer Wohnraum in den Städten“ ist auf der Agenda der öffentlich und politisch diskutierten Fragen zur Stadtentwicklung in den letzten Jahren rasant nach oben gestiegen. Ausgehend von einer in Fachkreisen begonnenen Debatte reagiert auch die für solche Themen sensible Politik inzwischen auf Schlagworte wie Gentrifizierung, Mietenexplosion oder Verdrängung mit schnellen Vorschlägen, etwa für eine Mietenbegrenzung oder für eine Stärkung sozial orientierter Wohnraumbelegung.

Zu wichtigen Teilen geht die neue Attraktivität des städtischen Wohnens auf die Maßnahmen vieler Städte zur Stärkung ihrer Wohnfunktion zurück. Die dabei erzielten Erfolge zeigen sich nicht nur quantitativ in einer wachsenden Nachfrage, sondern auch qualitativ in einer Annäherung der Sozialstrukturen von Kernstädten und ihren Umlandgemeinden mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Finanzsituation der Zentren.

Als problematisch erweist sich, dass sich die Nachfrage nach einem Wohnen in der Stadt überwiegend auf bestimmte Standorte mit hohen Lage-, Quartiers- und Umweltqualitäten konzentriert. Hier kann es zu den von den Medien aufgegriffenen Verdrängungsprozessen kommen, zu einer besonders für Haushalte mit Kindern zunehmenden Armutsfalle und vor allem bei Neuvermietungen zu dynamischen Kostensteigerungen. Unter dem Eindruck der angespannten Wohnungsmarktsituationen in einer Reihe von Wachstums- und Universitätsstädten wird aktuell wieder über Förderkulissen für eine Stärkung des sozialen Wohnungsneubaus debattiert und eine Anknüpfung an „bewährte Strukturen“ vorgeschlagen.

Die Politik kann diese Vorschläge jedoch nicht oder nur sehr begrenzt in substanzielle Förderprogramme umsetzen. Zum einen, weil die Entwicklung insgesamt ambivalent zu betrachten ist. Zu den zentralen Faktoren für die Zukunftsfähigkeit der Städte gehört ihre Funktion als Motor von wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen. In Zeiten des demografischen und wirtschaftsstrukturellen Wandels ist diese Aufgabe von besonderer Bedeutung; deshalb ist es notwendig, weiterhin die Innenstädte als Wohn- und Lebensorte für hochqualifizierte Arbeitskräfte mit nicht-familialen Lebensweisen zu stärken und die wachsende Bedeutung urbaner Milieus für wissensbasierte Ökonomien anzuerkennen. In dieser Hinsicht gibt es keine Alternative zur Fortsetzung einer Stärkung der Re-Urbanisierung.

Ein zweiter Grund ergibt sich aus der Heterogenität und Gleichzeitigkeit der Entwicklungen in Deutschland. Neben prosperierenden Städten gibt es eine wachsende Anzahl von Städten, die in Stadtteilen von geringer Lage- und Quartiersqualität mit einer zunehmenden Entmischung und Überlagerung von ökonomischen und sozialen Problemlagen konfrontiert sind. Die Politik kann sich deshalb nicht vorrangig oder gar ausschließlich auf die medial zwar sehr präsenten, aber nicht für alle Städte geltenden Wohnraumverknappungsprozesse konzentrieren.

Eine Rückkehr zu früheren Ansätzen der sozialen Wohnungspolitik mit einer korrigierenden und steuernden Rolle ist weder sinnvoll noch realistisch. Zu gering sind unter den aktuellen gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen die finanziellen Möglichkeiten, zu gering sind die personellen, administrativen Ressourcen und zu gering ist das Reservoir an präventiven, kooperativen Konzepten und Strategien. Solche Konzepte wären angesichts eines zwar funktionsfähigen, aber sehr uneinheitlichen Wohnungsmarktes, der von steigendem Wohnungsmangel in Wachstumsstädten bis zu dauerhaften Wohnungsleerständen in Schrumpfungsregionen reicht, jedoch erforderlich, um mehr Wohnungen für Menschen mit finanziellen, ethnischen, sozialen oder altersbedingten Zugangsschwierigkeiten zur Verfügung stellen zu können.

Die Perspektive eines Forschungsprojektes der Wüstenrot Stiftung richtet sich deshalb stattdessen auf die soziale und quartiersbezogene Orientierung von gemeinschaftlich oder genossenschaftlich organisierten Wohnprojekten. Sie stellen teilweise neue Formen sozialer, ethnischer und generativer Mischung her und leisten damit wichtige Impulse zum Aufbau und zur Stabilisierung von Nachbarschaften in den Wohnquartieren. Im Fokus steht die Frage, welchen Beitrag solche neuen Wohnprojekte für eine soziale Stabilisierung der Bewohnerstruktur leisten können und welche funktionalen, räumlichen oder organisatorischen Ergänzungen sie für die sie umgebende Stadt bieten.

Diese Fragestellung wird anhand von konkreten Fallstudien in Deutschland und im europäischen Ausland untersucht. Für alle Projekte werden Entstehungskontext, Motivation und Zielsetzung (Satzung) sowie die Ansätze für eine soziale Wohnraumorientierung, deren Förderung und praktische Umsetzung analysiert.

Projektlaufzeit:seit 2014
Auftragnehmer:Prof. Susanne Dürr, Dr. Gerd Kuhn