Promotionsstipendien

Schwerin, KfZ-Instandsetzungsbetrieb

Ehemaliger KfZ-Instandsetzungsbetrieb „Vorwärts“ in Schwerin, ein Untersuchungsobjekt der Stipendiatin Jessica Hänsel (Foto © LAKD M-V, LD, A. Bötefür)

Ziele des Programms

Die Wüstenrot Stiftung engagiert sich seit über 20 Jahren im Rahmen ihres Denkmalprogramms für den Erhalt und die zukunftsfähige Nutzung herausragender Baudenkmale in Deutschland. Das Programm gilt weithin als beispielgebend. Zum Renommee des Denkmalprogramms haben nicht zuletzt die ExpertInnen beigetragen, die die Wüstenrot Stiftung in allen Phasen der Planung und Instandsetzung hinzuzieht. Seit 2010 konzentriert sich die Stiftung im Denkmalprogramm auf Projekte aus der Zeit von 1945 bis 1980. Die Architektur der sogenannten Nachkriegsmoderne wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Hauptgründe für ihre vielfach negative Bewertung sind ihre oft eingeschränkte Funktionalität für gegenwärtige Nutzungsansprüche und die aufgrund einer ungünstigen Energiebilanz und der veralteten technischen Infrastruktur mangelnde Wirtschaftlichkeit. Darüber hinaus erfolgt ihre Ablehnung häufig aber auch aus ästhetischen Gründen.

Noch fehlt vielen das Verständnis für diese vergleichsweise jungen Bauten wie auch die Kenntnis der Bedingungen, unter denen insbesondere in den Jahren des Wiederaufbaus in Ost und West ein neues Bauen aus den Trümmern erwuchs: Günstige, gelegentlich allerdings minderwertige und kurzlebige Materialien, seinerzeit experimentelle Technologien, betont serielle oder individuelle Baulösungen und eine bewusst reduzierte oder expressive Formensprache charakterisieren den quantitativ noch immer großen Baubestand der Nachkriegsjahrzehnte. Es steht außer Frage, dass unter den neuen sozialen und städtebaulichen Rahmenbedingungen auch in dieser Epoche herausragende Bauwerke entstanden, die in Material, Konstruktion und Form den Optimismus eines kulturellen Neubeginns nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum Ausdruck bringen.

Es ist deshalb dringlich, über den Umgang mit diesem aktuell gefährdeten Baubestand, seinen potenziellen Denkmalwert und die Strategien seiner Erhaltung und Nutzung nachzudenken und dafür exemplarische Konzepte zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um die Optimierung des Sanierungsaufwandes, der notwendig ist, um diese Bauten heutigen Nutzungsansprüchen und bauphysikalischen Normen anzupassen. Ebenso wichtig für den Erhalt eines Gebäudes ist sein „Image“ und die damit verbundene Wertschätzung in der breiten Öffentlichkeit, die derzeit noch häufig durch Vorurteile beeinträchtigt wird. Daher sind aufklärerisches Wirken und Werben für die besonderen Leistungen und Qualitäten der Architektur der Nachkriegsmoderne im Sinne ideeller Inwertsetzung erste wichtige Maßnahmen für das materielle Bewahren.

Federführend im öffentlichen Diskurs der Zivilgesellschaft müssen ExpertInnen der Architektur, der Bau- und Kunstgeschichte sowie der Denkmalpflege diese drängende Aufgabe übernehmen. Sie stehen damit wie auch mit den praktischen Herausforderungen des Erhalts und der Instandsetzung vor neuen Aufgaben. Um den hochqualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs auf diesem Gebiet zu fördern, lobt die Wüstenrot Stiftung seit 2015 Promotionsstipendien aus.

Wer ist angesprochen?

Gefördert werden Forschungsvorhaben, die Gebäude, Ensembles oder die Freiraumgestaltung der Nachkriegsmoderne, ihre Entstehung, Ästhetik und Bedeutung, zum Gegenstand haben oder sich mit Fragen der Sanierung, etwa der energetischen Ertüchtigung oder der Nutzungsanpassung, der Bewahrung ihrer Authentizität oder ihrer gezielten Transformation beschäftigen. Damit reicht das Spektrum der Themen von Problemen der Bestandssicherung über monografische Studien zum Werk einzelner Architekt/innen bis hin zu methodischen Grundsatzfragen der Denkmalpflege im Wandel gesellschaftlicher Wertorientierungen und im Wechsel der Generationen – um hier nur einige Stichworte zu nennen.

Der Schwerpunkt der Förderung liegt auf der Unterstützung von Forschungsvorhaben aus folgenden Disziplinen:

  •  Architektur
  • Städtebau
  • Denkmalpflege/Denkmalvermittlung
  •  Kunst- und Kulturwissenschaften
  • Gesellschaftswissenschaften

Verbunden mit der Förderung ist ein jährliches Kolloquium,
zu dem die Stipendiaten/innen zur Vorstellung
ihrer Forschungsarbeiten und zur Diskussion
eingeladen werden.

Voraussetzungen

Berücksichtigt werden Bewerber/innen:

  • die durch ihre Studienleistungen und Examensergebnisse ausgewiesen sind
  • deren Dissertationsvorhaben einen wissenschaftlich relevanten Gegenstand aus den oben genannten Themenfeldern untersuchen und ein überdurchschnittliches Ergebnis erwarten lassen
  • die ihre Promotion an einer Hochschule in der Bundesrepublik Deutschland angemeldet haben
  • die zum Zeitpunkt ihres zur Promotion berechtigenden Hochschulabschlusses das 30. Lebensjahr
    noch nicht vollendet haben. Auf die Ausschlussfrist können angerechnet werden: zweiter Bildungsweg, Kindererziehung, Wehr- oder Zivildienst, Berufspraxis und andere besondere Lebensumstände.

Weitere Informationen:

Bisherige Stipendiatinnen und Stipendiaten

Maike Streit

Projekt

„Das Auge baut mit. Eine Untersuchung zur medialen Repräsentation zeitgenössischer Architekturkonzepte der 1960er und 1970er Jahre“

Bildmedien sind die wesentlichen Werkzeuge visueller Vermittlungsstrategien. Dies gilt auch für die Architektur, vor allem dann, wenn Medien auf Architektur und die ihr zu Grunde liegenden Konzepte hinweisen. In den 1960er und 1970er Jahren vollziehen sich markante Wandlungen der Architekturästhetik während sich zeitgleich eine massive Wirkungssteigerung visueller Medien entwickelt.

Maike Streit untersucht in ihrer neu begonnenen Dissertation – an der Schnittstelle zwischen Architekturgeschichte, Bildwissenschaft und Medienwissenschaften – das Bildernetz welches die Architektur der 1960er und 1970er Jahre umgibt. Das Projekt befasst sich im Wesentlichen mit der systematischen Frage, wie Architektur in den Blickwinkel von Gesellschaftsästhetik gerät und mit welchen Vermittlungsstrategien dies erfolgt. Das Aufzeigen eines Bedeutungswandels ikonographischer Entwicklungen der Architekturproduktion in der Zeit der sogenannten Nachkriegsmoderne spielt für das Projekt eine wesentliche Rolle. Die Kunst der Architektur der Nachkriegsmoderne ist in ihrer Ideenwelt zu finden. Das Abbilden dieser Ideenwelt untermauert den Wert des Denkmals, indem ihm eine baukulturelle Bedeutungsebene zugefügt wird. Dieses Dissertationsprojekt nimmt sich dessen an und hofft, einen Beitrag zum besseren Verständnis der Architektur der Nachkriegsmoderne zu leisten.

Vita

1987geboren in Freiburg im Breisgau
2006-2009Ausbildung zur Mediengestalterin für Digital- und Printmedien
2009-2013Studium der Kunstgeschichte und Informations- verarbeitung an der Universität zu Köln
2013-2014Studium der Kunstgeschichte und Masterabschluss am University College Dublin, Irland

Jessica Hänsel

Projekt

„Industriearchitektur der DDR. Die Arbeit der VEB Industrieprojektierung“

Die bemerkenswerten Leistungen, die im Bereich des Industriebaus in der Deutschen Demokratischen Republik erbracht worden sind, wurden in der Wissenschaft bisher kaum thematisiert. Beispielsweise erkennen nur die Wenigsten im weltbekannten Berliner Fernsehturm ein Ergebnis jahrzehntelanger Forschungs- und Projektierungsarbeit der Industriearchitekten und –ingenieure der DDR. Ohne diese Vorarbeit aber hätte das heutige Wahrzeichen der Bundeshauptstadt überhaupt nicht realisiert werden können. Es ist nur ein Beispiel von vielen dafür, dass der Industriebau der DDR in der Architekturgeschichte wie in der Denkmalpflege nur am Rande wahrgenommen wird.

In der DDR spielte die Baugattung Industriearchitektur von Anfang an eine herausragende Rolle. Aus der wirtschaftlich kritischen Situation der Nachkriegszeit heraus initiierte der neu gegründete Staat Bauprogramme gewaltigen Umfangs, für deren Großbaustellen neben Produktions-, Verwaltungs- und Sozialgebäuden auch Kultur- und Wohnbauten von den verstaatlichten Industrieprojektierungsbetrieben entworfen wurden. Ihren quantitativen Höhepunkt erreichten diese Projekte in der Neugründung ganzer Industriestädte. Bis heute prägen die so entstandenen Industrielandschaften nicht nur das Erscheinungsbild der Neuen Bundesländer, sondern insbesondere auch deren Kultur- und Sozialgeschichte.

Das gestalterische Spektrum der errichteten Industriearchitekturen reicht von in den frühen 1950er Jahren entstandenen Bauten, die an die Prinzipien der Klassischen Moderne anknüpfen, über die Gestaltungsdoktrin des sozialistischen Klassizismus bis hin zur Formensprache des Funktionalismus und des Internationalen Stils in den 1960er und 70er Jahren. Auch noch im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung des Bauwesens beweisen zahlreiche Entwürfe den souveränen Umgang der Planer und Gestalter mit den Vorgaben des Baukastensystems und dem allgegenwärtigen Einsparungszwang. Nur durch das komplexe Zusammenwirken von baukünstlerischem Entwurf und innovativer Bautechnik konnte diese Gestaltungsqualität erreicht werden.

Durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Industriebau der DDR, mit seiner Entwicklung, seinen Akteuren, seiner gestalterischen Ausprägung, seinen Vorbildern und seiner internationalen Wahrnehmung soll das Promotionsvorhaben Grundlagen für eine Neubewertung der baulichen Hinterlassenschaften der DDR-Industriearchitektur legen und den Blick für die hochgradige Gefährdung dieser Objekte schärfen. Denn im heutigen, allzu gedankenlosen Umgang mit ihnen zeigt sich deutlich die mangelnde Identifikation mit diesem bedeutenden Teil unserer Kultur-, Wirtschafts- und Technikgeschichte.

Vita

1983geboren in Perleberg
2002-2009Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie an der Technischen Universität Berlin und der Humboldt-Universität Berlin
2009-2011Postgraduales Masterstudium der Denkmalpflege an der Technischen Universität Berlin
2011-2013Wissenschaftliches Volontariat am Landesdenkmalamt Berlin
2013-2015Freiberufliche Tätigkeit u.a. für das Landesdenkmalamt Berlin und das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege

Magdalena Kamińska

Projekt

„Plattenbauten der 1970er Jahre in Nowe Tychy (Polen) im Vergleich zu Marzahn-Hellersdorf“

Schätzungen zufolge wohnen in Polen etwa 12 Millionen Menschen in Plattenbauten. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung entspricht dies mehr als einem Drittel der dort lebenden Einwohner. Zu ihrer Entstehungszeit galten diese Gebäude als innovativ, ihre Architekten als Schrittmacher und der Baustoff Beton als Symbol für den Wiederaufbau des Landes im sozialistischen Stil. Gegenwärtig wird dieses Erbe der polnischen Nachkriegsmoderne einerseits als „Verkörperung sozialistischer Tristesse“ gewertet, andererseits heben Experten ihre Bedeutung für die polnische Architekturgeschichte hervor.

So ambivalent wird auch die 20 Kilometer südlich von Kattowitz gelegene Neustadt von Tychy bewertet: Nowe Tychy. Hier entwarfen ab den 1970er Jahren die Warschauer Urbanisten Kazimierz Weijchert (1912-1993) und Hanna Adamczewska-Weijchert (1920-1996) ihre urbanistische Vision der neuen polnischen Stadt in Großtafelbauweise. Hierbei ist besonders, dass sie fast ausschließlich das neuartige offene Wohnbausystem 70 (WBS-70) anwendeten, welches nur unter großen Anstrengungen seinen Weg aus der DDR in die Volksrepublik Polen fand. In der Dissertation werden diese Anstrengungen aus historischer Perspektive sowie die dabei stattgefundene wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit polnischer und deutscher Ingenieure untersucht. Das umfasst die Einführung des offenen Bausystems in Polen unter der Bezeichnung „Problem 103“, dessen Weiterentwicklung Wk-70 und OWT-75, über die Entstehung der Plattenwerke, bis hin zu den Aushandlungen mit „eigensinnigen“ Architekten. Als Vergleichsgrößen zu Nowe Tychy werden Berlin Marzahn-Hellersdorf, Hoyerswerda und Schwedt/Oder herangezogen.

Obzwar eine solche historische Untersuchung die bestehende Bewertungsambivalenz von Wohnsiedlungen in Plattenbauweise nicht aufheben kann, liefert sie eine fundierte Diskussionsgrundlage für zukünftige Aushandlungen.

Vita

1984geboren in Karlsruhe
2005-2009Studium der Europäischen Kultur- und Ideengeschichte sowie der Kunstgeschichte an der Universität Karlsruhe und der Uniwersytet Wrocławski, Polen
2010-2013Studium der Europäischen Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und der İstanbul Bilgi Üniversitesi, Türkei
seit 2014Teilnahme am Viadrina Mentoringprogramm für Doktorandinnen und Promotion an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder)