Auslobung_Kirchenwettbewerb_Seite_1

Kirchen prägen noch immer das Ortsbild vieler Gemeinden und Städte. Mit ihrer Präsenz und ihrer langen Geschichte sind sie ein herausragender Teil unserer Baukultur. Dennoch scheint ihre Zukunft ungewiss, denn die Amtskirchen in Deutschland stehen vor großen Aufgaben. In vielen Gemeinden müssen Strategien gefunden werden, um die Gebäude angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen, veränderter Nutzungsanforderungen und hoher Kosten für Instandhaltung und Betrieb an die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des Gemeindelebens anpassen zu können. Oftmals scheint die Zusammenlegung von Gemeinden, die Schließung von Kirchengebäuden und häufig auch ein damit verbundener Verlust von Möglichkeiten der sozialen Gemeinwesenarbeit der einzig verbliebene Weg zu sein.

Für die Suche nach alternativen Möglichkeiten zu dieser Entwicklung tragen wir in unserer Gesellschaft eine gemeinsame Verantwortung. Kirchen werden auch in Zukunft als gebaute Symbole zum Leben und zur Orientierung in unserer Gesellschaft gehören, trotz aller aktuellen Veränderungen und eines Rückgangs an religiöser Bindung gegenüber den kirchlichen Institutionen und Riten.

Der notwendige Prozess einer Transformation von Kirchen als bedeutsame, kulturell wie spirituell eindeutig kodierte, symbolhafte Orte eröffnet zugleich wichtige Optionen für eine erneuerte und um zusätzliche Aspekte erweiterte Verankerung einer geteilten, kollektiven Identität. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele dafür, wie Kirchen, Klöster und andere Gebäude im kirchlichen Kontext mit neuen Konzepten einer veränderten oder ergänzten Nutzung weiterhin als zentrale Orte und Begegnungsräume bestehen können. Der Wettbewerb „Kirchengebäude und ihre Zukunft“ machte durch einen breiten, aktuellen Überblick deutlich, dass es andere, bessere Alternativen geben kann, die zugleich neue Zukunftsperspektiven erschließen. Unter den insgesamt 291 Einsendungen aus dem ganzen Bundesgebiet fanden sich viele Beispiele dafür, wie Kirchengebäude und Gemeindezentren als öffentliches Bekenntnis und sichtbarer Teil kultureller Identität erhalten werden können.

Die Preisträger

Die Jury des Wettbewerbs unter Vorsitz von Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert hat unter den Einsendungen zwei besonders herausragende Lösungen gefunden. Sie bewältigen die für viele Gemeinden zentrale Herausforderung, konfessionelle Sakralräume neu zu gestalten und neu zu interpretieren, um sie zukunftsfähig zu machen. Die beiden unterschiedlichen Strategien können als komplementäre Ansätze betrachtet werden. Die Jury hat deshalb nach mehreren Sitzungen, zwischen denen alle Gebäude in der engeren Wahl vor Ort besichtigt wurden, einstimmig beschlossen, diese beiden Beispiele mit zwei gleichwertigen, jeweils mit 10.000 Euro dotierten Preisen zu prämieren.

Die katholische Heilig-Geist-Kirche der St. Martinus-Gemeinde in Olpe hat im kirchlichen Kontext ein neues Profil erhalten. Gemeinsam mit Schilling Architekten (Köln) erhielt das Programm einer „offenen Kirche“ im Inneren und im Äußeren einen in jeder Hinsicht überzeugenden Ausdruck. Vergleichbar der Neuorientierung im Selbstverständnis und in den Aktivitäten der Gemeinde öffnet sich nun auch das Kirchengebäude zum Stadtraum und eine neu geschaffene, kommunikative Raumstruktur setzt diesen offenen Charakter gezielt bis in den zentralen Bereich der kirchlichen Liturgie nach innen fort. Anstelle des möglichen Abrisses und Identitätsverlustes ist es mit dem gewählten neuen Profil gelungen, das vorhandene Gebäude sowohl in pastoraler wie liturgischer Hinsicht als auch unter architektonischen Aspekten auf vorbildliche Weise zu perfektionieren.

Für den Erhalt der evangelischen Kirche im Stadtteil Bochum-Stahlhausen wurde gemeinsam mit Soan Architekten (Bochum) ein anderes neues Profil gewählt. Es setzt sich aus verschiedenen Grundlagen zusammen, die auch außerhalb der Kirchengemeinde gefunden wurden. Gemeinsam mit IFAK e.V. (Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit) ist ein partnerschaftliches Pilotprojekt für ein attraktives Stadtteilzentrum entstanden, dessen sozialer Charakter in hohem Maße mit der konkreten städtischen Situation korrespondiert. Der im Jahr 2000 bereits einmal verkleinerte Kirchenraum konnte als regulärer Gottesdienstraum nicht mehr erhalten werden. Stattdessen erfolgte nun eine spirituelle Profilierung durch die Schaffung eines multireligiös offenen Andachtsraums, der als „Raum der Stille“ bezeichnet wird. Er überzeugt aufgrund seiner zentralen Lage im erweiterten Gebäudekomplex und seiner sensiblen Schwellengestaltung. Die christliche Motivation bleibt präsent, ohne sich aufzudrängen; dadurch kann dieser Raum Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägung spirituelle Erfahrungen vermitteln.

Beide Lösungen – die Profilierung des konfessionellen Sakralraums im kirchlichen Kontext sowie die Entwicklung eines neuen Sakralraums mit veränderter religiöser Profilierung und in partnerschaftlicher Trägerschaft – sind aus Sicht der Jury gleichermaßen überzeugend beschritten worden, weshalb beide Projekte mit dem ersten Preis honoriert werden.

Weitere Prämierungen

Im Rahmen der Gesamtpreissumme von 50.000 Euro wurden sieben weitere Projekte prämiert.

Zwei Auszeichnungen mit je 7.500 Euro

Die zweite Kategorie bilden zwei Auszeichnungen mit je 7.500 Euro:

  • Die Kolumbariumskirche Heilige Familie in Osnabrück, umgestaltet von Klodwig & Partner Architekten (Münster). Die Umwidmung als Kolumbarium ist eine Strategie zur Erhaltung von Kirchengebäuden, die bundesweit an Bedeutung gewinnt. Sie ermöglicht es einerseits, Kirchengebäude in ihrer Gestalt weitgehend zu erhalten, und reagiert andererseits auf das in vielen Gemeinden gewachsene Bedürfnis nach (neuen) Orten für eine Urnenbestattung. Die Kolumbariumskirche Heilige Familie in Osnabrück ist nach Auffassung der Jury in Gestaltung und Nutzung ein besonders gelungenes Beispiel für die mit dieser Strategie verbundenen Möglichkeiten, in dem sich die vorgegebene Verkleinerung des Gottesdienstraumes wie selbstverständlich mit der zusätzlichen neuen Nutzung als Kolumbarium verbindet.
  • Die evangelische Philippuskirche in Mannheim. Die aus den 1960er Jahren stammende Kirche erhielt schon in ihrer ursprünglichen Form eine mehrfache Nutzung. Der gestalterisch überzeugende Umbau durch das Architekturbüro Veit Ruser + Partner (Karlsruhe) erlaubt nun ein noch einmal erweitertes und differenzierteres Nutzungskonzept. In hervorragender Weise ist es gelungen, den identitätsstiftenden Charakter des Kirchengebäudes zu erhalten und zugleich der Kirchengemeinde die für den weiteren Erhalt des Gebäudes dringend erforderlichen räumlichen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Fünf Anerkennungen zu je 3.000 Euro:

  • Den Umbau der evangelischen Immanuelkirche in Kassel durch Atelier 30 Architekten GmbH (Kassel). Es ist gelungen, die besonderen, gestalterischen Qualitäten des Kirchengebäudes zu bewahren und im Inneren durch zwei neutrale und flexible Gruppenräume das räumliche Angebot zu ergänzen. Die in enger Abstimmung mit der Kirchengemeinde gefundene, in ihrer Klarheit überzeugende Lösung respektiert die vorhandenen Raumqualitäten und entwickelt sie in überzeugender Weise weiter.
  • Die Neugestaltung der katholischen Kirche Maria – Hilfe der Christen in Kehl durch das erzbischöfliche Bauamt Freiburg, unter Mitwirkung des Künstlers Stefan Strumbel. Eine mutige, sehr stark künstlerisch geprägte Erneuerung in Verbindung mit einer geänderten liturgischen Ausrichtung führt im Inneren der Kirche zu einer veränderten, offenen Atmosphäre, die einen erweiterten Kreis an Kirchenbesuchern anspricht.
  • Den Umbau der evangelischen Dornbuschkirche in Frankfurt durch Meixner Schlüter Wendt Architekten (Frankfurt). Neu entstandene räumliche und funktionale Qualitäten ermöglichen es, aus einem Rückbau einen Gewinn für die Kirchengemeinde zu realisieren. Das Ensemble aus Turm und Gemeindezentrum bleibt intakt und wird außen durch einen neuen öffentlichen Platz erweitert, der die Verbindung zwischen der Kirche und der Stadt stärkt.
  • Den Umbau der evangelischen Christuskirche Bruchhof-Sanddorf durch die ARGE Bayer Uhrig + Modersohn & Freiesleben (Kaiserslautern). In eine kleine Kirche konnten durch eine ästhetisch prägnante, räumliche Neuorientierung wichtige Funktionen der Gemeindearbeit integriert werden. Entstanden ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie kluge Architektur auch mit bescheidenen Mitteln ein passgenaues Nutzungskonzept in überzeugender Qualität verwirklichen kann.
  • Die Instandsetzung und Erhaltung der ehemaligen Rittergutskirche Kleinliebenau bei Schkeuditz durch Ursula Quester (Leipzig) und den Kultur- und Pilgerverein Kleinliebenau e. V. (Schkeuditz). Nach jahrelangem Leerstand des Kirchengebäudes ist es einer privaten Initiative mit großem Engagement gelungen, das baugeschichtliche Kleinod mit einem innovativen Konzept zu seiner Nutzung als Station eines Pilgerweges zu retten und seine zukünftige Erhaltung zu sichern.

Als bemerkenswerte Beispiele im Sinne der Wettbewerbsauslobung hat die Jury außerdem folgende Angebote in die „Engere Wahl“ aufgenommen:

  • Die Johanneskirche in Altenbach (netzwerkarchitekten GmbH, Darmstadt)
  • Die Grabeskirche St. Joseph in Aachen (Hahn Helten + Assoziierte GmbH, Aachen)
  • Die Melanchthonkirche in Hannover (Dreibund Architekten BDA, Bochum)
  • Die Christus-König-Kirche in Düsseldorf (Pinkarchitektur, Düsseldorf)
  • Das Kloster St. Anton in München (hirner & riehl Architekten, München)
  • Das Pfarrzentrum St. Maria in Neersen (Elmar Paul Sommer, Monschau)
  • Die Kirche St. Hedwig in Frankfurt (PGS Projektmanagement GmbH)
  • Die Kirche Winz-Baak (Soan Architekten, Bochum)
  • Die St. Bernaduskirche in Oberhausen (zwo+ Architekten, Bochum)
  • Die Schlosskirche Colditz (Architekturbüro Fischer, Dresden)
  • Die Simeonskirche in München (Robert Rechenauer Architekt BDA, München)

Unter den Einsendungen zu diesem Wettbewerb befinden sich zahlreiche weitere Beispiele, die als Impulse für den Umgang mit bestehenden Kirchengebäuden dienen können. Die Wüstenrot Stiftung dankt gemeinsam mit den Mitgliedern des Preisgerichtes allen Architekten, Kirchengemeinden und anderen Beteiligten für ihr Engagement und für ihre Teilnahme am Wettbewerb.

Kriterien

Bewertet wurden in diesem Wettbewerb in erster Linie:

  • Die Ertüchtigung von Gebäuden im Sinne sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit, entweder in der ursprünglichen oder in veränderter Nutzung
  • Die Qualität der architektonischen Gestaltung und des Städtebaus
  • Die Signifikanz des Beispiels als Beitrag zur Bewahrung baukulturellen Erbes
  • Die mit der Veränderung verbundenen Impulse für eine Weiterentwicklung des Gemeindelebens
  • Der vorbildhafte Umgang mit historischer Bausubstanz.

Preisgericht

  • Prof. Klaus Block, Architekt, Berlin
  • Prof. Dr. Thomas Erne, EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, Philipps-Universität Marburg
  • Prof. Dr. Albert Gerhards, Seminar für Liturgiewissenschaft, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Bonn
  • Prof. Susanne Gross, Architektin, Wuppertal/Köln
  • Dr. Regina Heyder, Katholischer Deutscher Frauenbund, Köln
  • Philip Kurz, Architekt, Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg
  • Prof. Dr. Leo Schmidt, Lehrstuhl für Denkmalpflege, TU Cottbus
  • Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert, Institut für Kunstwissenschaft und historische Urbanistik, TU Berlin (Vorsitzende)

Die Ausstellung

Um die im Kontext des Wettbewerbs gesammelten herausragenden Ideen und Strategien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Nachahmer/innen zu animieren, wurde durch die Wüstenrot Stiftung ein mobiles Ausstellungskonzept erstellt. Die flexibel an den jeweiligen Ausstellungsort anpassbare Präsentation wurde bereits an verschiedenen Standorten in Deutschland gezeigt und ist für interessierte Institutionen kostenfrei ausleihbar.

Ausstellung in Wittenberg (Foto: Stefan Krämer © Wüstenrot Stiftung)

Ausstellung in Wittenberg (Foto: Stefan Krämer © Wüstenrot Stiftung)

Die Publikation

Die Inhalte und Ergebnisse des Wettbewerbs wurden 2017 in einer kostenfrei erhältlichen Publikation zusammengefasst. Das Buch zeigt in 33 Beispielen mögliche Strategien für den Umgang mit Kirchengebäuden und weist zugleich auf die gemeinsame Verantwortung für die architektonische, konzeptionelle und ökonomische Aufgabe hin, das mit Kirchengebäuden verbundene, oft denkmalgeschützte baukulturelle Erbe zu erhalten.

Das Projekt in den Medien

Projektlaufzeit:Kooperationspartner:
seit 2014Preisgericht: Prof. Klaus Block, Prof. Dr. Thomas Erne,
Prof. Dr. Albert Gerhards, Prof. Susanne Gross,
Dr. Regina Heyder, Prof. Dr. Leo Schmidt,
Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert
Vorprüfung: Mark Arnold, Arne Fentzloff, Dr. René Hartmann,
Dr. Tino Mager