Das Wohnungsbauerbe der 1950er bis 1970er Jahre

Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung

Hannover-Vahrenfelde (Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung)

In den 1950er bis 1970er Jahren wurde in Deutschland ein großer Teil des heutigen Wohnungsbestandes errichtet. Viele Wohnquartiere spiegeln noch die damalige Zuversicht in die weitere Entwicklung der gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wider. Wirtschaftlicher Aufschwung und technischer Fortschritt wurden als dauerhafte Motoren und zuverlässige Säulen der zukünftigen Entwicklung betrachtet. Neue oder wieder aufgebaute Quartiere sollten das bauliche Fundament für den weiter wachsenden Wohlstand und die moderne Überwindung von historischer sozialer Ungleichheit bilden. Heute ist diese Zeit des Aufbruchs vorbei und viele Gebäude und Stadtteile aus der Nachkriegszeit erfordern eine grundlegende Neuorientierung.

Im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes der Wüstenrot Stiftung standen kleinere Quartiere, die überwiegend im Geschosswohnungsbau errichtet wurden und die einen signifikanten Teil des baulichen Erbes dieser Zeit bilden. Häufig erhielten diese Gebiete nach ihrer Fertigstellung nur noch begrenzte fachliche und oft noch weniger öffentliche Aufmerksamkeit. Das war zunächst auch kein Manko, denn sie wurden selten zu sozialen Brennpunkten, ihre Entwicklung verlief in der Regel stabil, sie waren als Quartiere zu klein, um eine überregionale Aufmerksamkeit zu erhalten und es fehlte ihnen damals wie auch heute noch das Potenzial, um zu Szenevierteln mit einem überproportionalen Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen oder zu Zielen für eine spekulative Investitionstätigkeit zu werden.

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Neumünster (Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung)

Oft ist zumindest ein Teil des Bestandes im Rahmen der sozialen Wohnungsbauförderung entstanden; viele Quartiere übernehmen deshalb bis heute einen wichtigen Beitrag zur Versorgung von einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen mit kostengünstigem Wohnraum, auch wenn sich durch das Auslaufen vieler Bindungen die Rahmenbedingungen dieses Segmentes verändern.

Die Unauffälligkeit der Quartiere und ihr damit verbundenes Schattendasein – bezogen auf die kommunalen Entwicklungsperspektiven oder lokalen Investitionsschwerpunkte – kann sich inzwischen allerdings doch zunehmend auch negativ auswirken. Zum einen, weil es schwierig ist, die fachliche und öffentliche Aufmerksamkeit für ein zwar bereits vorhandenes und noch weiter wachsendes, im Vergleich zu anderen kommunalen Aufgaben jedoch nicht vorrangiges Handlungserfordernis zu wecken. Zum anderen, weil ein nur langsam ansteigender Problemdruck lediglich schwache Impulse auf die Bereitschaft zur Bildung von breiten lokalen Bündnissen mit gemeinsamen Strategien ausstrahlt.

Präventive Handlungskonzepte, die ansetzen, bevor der Handlungsbedarf zwingend wird, sind bisher seltene Ausnahmen. Sie sollten jedoch viel stärker als bisher zur Anwendung kommen, weil die Probleme zwar meistens noch langsam wachsen, aber dafür auf mehreren Ebenen zugleich entstehen und ihre Auswirkungen sich gegenseitig verstärken können. Viele Wohnungen und Gebäude müssen an heute veränderte Bedürfnisse und Standards angepasst werden. Dies gilt für die Wohnungsgrundrisse und die Wohnungsgrößen, schließt fehlende Balkone oder unzulänglich gestaltete Eingangsbereiche ein und reicht über die energetische Optimierung bis zur Barrierefreiheit, die in vielen Wohnungen ebenso fehlt wie bei deren Erschließung und bei den Gebäudezugängen. Barrierefreiheit wird angesichts einer alternden Bevölkerung immer wichtiger, und sie betrifft gleichermaßen auch die Eignung von Wohnungen, Gebäuden und Quartieren für Familien mit Kindern.

Die Verbindung zwischen einer qualitativen Aufwertung von Gebäuden, Wohnungen und Wohnumfeld einerseits und einer größeren baulichen und sozialen Differenzierung bei gezielter Bewahrung gewachsener Strukturen andererseits stellt die größte Herausforderung dar. Ziel muss sein, durch vielschichtige Verbesserungen von Wohnungen und Gebäuden die Attraktivität des Standortes auch für andere Bevölkerungsgruppen zu steigern, ohne dabei die Bedürfnisse der ansässigen Bewohner zu übergehen oder deren finanzielle Möglichkeiten zu überfordern.

Das Forschungsprojekt der Wüstenrot Stiftung zeigt in diesem Sinne nicht nur Aufgaben und Optionen im Umgang mit dem Geschosswohnungsbau dieser Zeit auf, sondern verdeutlicht auch die Chancen und Perspektiven, die sich mit diesen Gebäuden für die Zukunft verbinden lassen. Denn für eine nachhaltige Entwicklung der Städte nach sozialen, ökologischen und ökonomischen Kriterien sind alle drei Ebenen erforderlich: die Wohnungen, die Gebäude und die Quartiere.

Projektlaufzeit:2008 – 2012
Projektbeteiligte:Hochschule für Technik Stuttgart (Auftragnehmer); Katrin Hopfner, Prof. Dr. Christina Simon-Phillip (Autorinnen)