Bedingt planbar! Städtebau und Stadtentwicklung in Deutschland und Europa

Im Forschungsprojekt „Städtebau und Stadtentwicklung in Deutschland und Europa. Leitbild – Orientierungsrahmen – Wertekanon“ wurde in einem offenen Diskurs mit Experten und Expertinnen ein Positionspapier erarbeitet. Es ruft zu einem Perspektivwechsel auf, um zu einer neuen Haltung in Städtebau und Stadtentwicklung zu kommen.

Nun sind Sie gefragt: Kommentieren Sie das Positionspapier und diskutieren Sie mit uns!

  • Kann der unübersehbare Verlust an Berechenbarkeit und Kontrolle als Chance begriffen werden?
  • Was kann Partizipation (nicht)?
  • Wie lässt sich Planungssicherheit eigentlich noch herstellen?
  • Welche Rolle spielen Leitbilder?
  • Wie können Städtebau und Stadtentwicklung auf die veränderten Rahmenbedingungen und Aufgaben reagieren?
  • Wie schafft man angesichts der Veränderungen in Städtebau und Stadtentwicklung eine hohe Qualität?

Ihre Antworten und Anregungen fließen in den weiteren Prozess des Forschungsprojekts ein, über den wir hier in unregelmäßigen Abständen informieren. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden Ende 2017 vorgestellt.

4 Kommentare
  1. Leonard Winkler
    Leonard Winkler says:

    Disclaimer: Ich bin leider noch nicht vom Fach aber immerhin Jung und Interessiert.
    Städtebau ist zweifellos ein wichtiges Thema, gerade in Zeiten von Gentrifizierung und anhaltender Verstädterung. Aber ich denke noch wichtiger, als durchdachte und elegante Lösungen für aktuelle Raumnutzungsprobleme, ist es den Mitgliedern der Stadt Räume zu schaffen. Große Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Leipzig sind für junge Leute vor allem durch die vielen alternativen Kulturangebote so verlockend. Von solchen, eher nicht auf Langzeit ausgerichteten Projekten kommt die Innovationskraft, die im Städtischen bereich Arbeitsplätze und Erfüllung bietet.

    Innovation ist es, was eine Stadt am Leben hält und dem demografischen Wandel entgegen wirkt. Und die Innovativste Gruppe der Gesellschaft sind die unter 30 Jährigen. Ohne abgeschlossene Ausbildung, ein wenig Naiv und vor allem Kreativ.

    In den 90er Jahren gab es für diese Gruppe kaum Probleme in Leipzig an Räumlichkeiten zu kommen. In der Zeit entstanden die großen Kulturzentren und Szenevirtel meiner Stadt. In jener Zeit gab es eine Unzahl innovativer kleiner halb legaler Bars und viele Musiker und Künstlergruppen die diese Szenen nutzen. Ohne diese Zeit, in der Raum fast nichts kostete, währe Leipzig nie zu der Metropole geworden, die sie heute ist. Sicher hatten wir auch glück, mit DHL und BMW und einer großen Universität. Aber diese Faktoren waren es nicht, die die Stadtschrumpfung in der frühen 90er stoppte. Es war die Kultur, das Lebensgefühl.

    Die Grundlage dieser Entwicklung war günstiger Raum. Ganze Fabrikkomplexe wurden zu Galerien, Straßenzüge wurden zu Wohnexperimenten und all das nur, weil auch junge Leute sich so etwas leisten konnten. Schaut man sich die Stadt jedoch heute an, fehlt an vielen Stellen die Weiterentwicklung. Aus der Innenstadt sind alle alternativen Konzepte verschwunden. In der einst künstlerisch fokussierten Baumwollspinnerei entstehen Luxuslofts und Büros. Das einzige, was noch neu aufmacht, sind handmade Fastfood Läden.

    Das Problem des Kapitalismus in einer entwinkelten Stadt ist, dass Wohnräume teuer werden. Gleichzeitig sind weder Banken noch die Stadt bereit junge Leute mit innovativen, vielleicht nicht lukrativen, Ideen zu unterstützen. In den 90ern hätte es diese Unterstützung nicht gebraucht. Heute schon. Ich plädiere daher dafür in Städten Räume ohne definierte Funktion zu schaffen. Große, leere Gebäude, die Menschen mit ihren Ideen füllen können. Ein Demokratischer Raum, wo nicht Banken und Geld entscheidet, sondern Menschen sich ausprobieren können. Ein Raum für Temporäre Ideen.

    Ein großer sozialer Hotspot, viel Raum in guter Lage, Projekte von jedem für jeden. Ein Raum vor allem für die junge Generation um sich selbst zu verwirklichen. Freiheit zu Schaffen, ohne Ziel und ohne Druck – Innovation in Reinform. Die Gebärmutter einer neuen Gesellschaft, ein Experimentierfeld für neue Ideen.

    Ich war vor kurzem in Krakau, wo ein großes, ehemaliges Hotel aus den 80ern einer Gruppe von Studenten überlassen wurde. Sie sind dort seit 2013 und haben den Wohl schönsten Raum der Stadt geschaffen. Eine günstige Bar in der bis tief in die Nacht an allen Tischen über Politik und Kultur debattiert wurde. Ein Club für experimentelle und lokale Musik, der überall als die Toplocation der Stadt genannt wird. Ein Mode-label, ein Friseur, eine Kunstausstellung. Und das alles in einer Stadt die außer dem Marktplatz und Schindlers Fabrik kaum was zu bieten hatte.

    Wir brauchen solche Projekte auch in deutschen Städten.

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  2. studio amore
    studio amore says:

    Als Absolventen im Bereich Städtebau/Urban Design haben wir uns an anderer Stelle mit eben jener Berufsbild-Diskussion auseinandergesetzt, die auch durch die Debatte um die Kölner Erklärung und 100% Stadt angestoßen wurde. Ich möchte hier nur einen Schnipsel davon wiedergeben und mich ansonsten dem Kommentar von JEKATERINA MICHAILOWNA anschließen.
    „Was der Debatte fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Architektur- und Stadtplanungspraxis, die weitgehend unpolitisch, uninnovativ und unkritisch ist, sowie mit einer marktgesteuerten Stadtentwicklung, die sich radikal globalisiert hat und immer mehr unternehmerischen Grundsätzen folgt. Was fehlt, ist eine Infragestellung der sozioökonomischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die zu leblosen Quartieren, zunehmender Segregation und anspruchsloser Investorenarchitektur führen. Was fehlt ist eine Diskussion über Finanzkrise, Immobilienmärkte und Renditeerwartungen, wenn wir, wie David Harvey betont, Städte bauen, um in sie zu investieren, anstatt darin zu leben (vgl. Harvey 2012). Was fehlt ist der Blick auf die prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen der privatwirtschaftlichen Architektur- und Planungsbüros. Was fehlt ist eine Diskussion über Planer_innen, deren Rolle nur noch auf die eines Erfüllungsgehilfen des Kapitals reduziert worden ist. Anstelle der romantisch-reaktionären Forderung nach den Werten der Europäischen Stadt der Kölner Erklärung könnte man auch über das „Urbane, Lebendige, Kreative“ als pervertierte Strategien der Vermarktung sprechen oder über Wettbewerbsverfahren, welche realitätsferne (über Nacht in China gerenderte) Bilder produzieren und gleichzeitig nur durch Dumpinglöhne und die Ausbeutung einer Heerschar von Absolvent_innen und Praktikant_innen durchführbar sind. Die aktuell diskutierte Aufweichung der Honorarordnung für Architekt_innen und Ingenieur_innen ist in diesem Kontext nur ein weiterer Baustein einer radikal wettbewerbsorientierten Büroauslese. Man könnte darüber diskutieren, warum ganz andere Ansätze des “Stadtmachens”, welche beispielsweise Gemeinwohlorientierung und Zugänglichkeit in den Vordergrund stellen, mit diesem globalisierten Wettbewerb nicht mithalten können.“ (Burke, Ersöz, Harmel, Jank 2016)

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  3. JEKATERINA MICHAILOWNA
    JEKATERINA MICHAILOWNA says:

    „Bedingt Planbar“ spiegelt womöglich den abnehmenden gesellschaftlichen Bedarf an Planung wider. Dazu kommt die Tendenz lokaler Akteure zur Besitzstandswahrung. Wieso sollten Stadtbewohner sich eigentlich an Partizipationsprozessen beteiligen?

    Vor allem sind es Städte mit Bevölkerungswachstum, die sich in mancherlei Hinsicht in der Defensive befinden. Das Wohnungsangebot wird knapp, die Preise steigen, die Infrastruktur wird übernutzt… Die Stadtbewohner reagieren darauf. Dieses Defensivverhalten kann vielleicht als Überformung des partizipativen Stakeholder-Modells durch ein Shareholder-Modell beschrieben werden. Demnach verteidigen Stadtbewohner ihren Platz und sind bestrebt, oft durchaus kooperativ, möglichst viel materiellen und ideelen Profit aus der sich in ihrem Besitz gewähnten Stadt zu ziehen.

    Seinen Wert hat der Zugang zu der teuren und dicht ausgebauten Infrastruktur, zu Grünanlagen, Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten, zu Orten mit geringer Umweltbelastung, zu atmosphärisch attraktiven Quartieren. Damit bekommt der politische Slogan „Wem gehört die Stadt?“ eine ganz eigene Bedeutung. Die Auswirkung von Städtebauprojekten auf die Rendite dieser urbanen Shareholder ist nicht immer klar, und wird deshalb von diesen mit Mißtrauen begegnet. Daran ändert auch nichts die weltoffene und/oder fortschrittlich-progressive Selbstinszenierung der Shareholder.

    Durch die Intervention der Shareholder werden städtebauliche Planungsprozesse komplizierter, langwieriger und riskanter. Wie und wo auch immer diese Planungsprozesse buchhalterisch bilanziert werden – die Relation Ertrag / Aufwand kann durch „bedingte Planbarkeit“ nur verschlechtert werden. Eine andere Bezeichnung für diesen Sachverhalt ist Unwirtschaftlichkeit. Damit ist auch die Basis der Planerzunft gefährdet. Aus Sicht der urbanen Shareholder ist das Produkt Stadt fertig entwickelt und bedarf auch unter Renditegesichtspunkten keiner weiteren Optimierung. Der von außen kommenden Nachfrage nach dem Produkt Stadt stehen also Schliessungstendenzen der Stadt gegenüber.

    Auch ist zu vermuten, daß die neoliberale Modernisierung sich in einer steigenden Renditeerwartung urbaner Shareholder ausdrückt, wie auch in dem Auftreten von Akteuren, die spontan, selbstbestimmt, eigenverantwortlich, elektronisch vernetzt, gut informiert und fachkompetent agieren. „Bedingte Planbarkeit“ scheint also eine intrinsische Eigenschaft wachsender moderner Städte zu sein. Versuche, durch emotionale Ansprachen oder prozessuale Modifikationen Bürgerbeteiligung zu manipulieren, erscheinen dagegen wenig aussichtsreich.

    Eine sich schliessende Stadt ist in der Entwicklung beschränkt. Architektonische Leitbilder verlieren damit an Bedeutung. Damit wird Platz gemacht für das politische Leitbild der Ausdehnung ins Umland. Paradoxerweise bedingt die sich schliessende Stadt damit die sich auflösenden Stadt. Die Entwicklung sollte sich also naturgemäß auf das Umland, die „Zwischenstädte“, die polyzentrische Stadt richten. Damit wäre auch die Blockade durch die urbanen Shareholder ausgeschaltet.

    Die Umlenkung der „Stadtproduktion“ mitsamt der zugehörenden „Planungsproduktion“ in Richtung Umland bedingt einen Bedeutungsverlust der Innenstadt. Unterstützt werden kann das durch eine Politik behutsamen Deinvestierens im Innenstadtbereich – allein schon um zusätzlich Ressourcen frei zu bekommen. Allerdings würde dadurch – und schon wieder – die Rendite urbaner Shareholder beeinflußt.

    Tiefgreifende politische Richtungswechsel sind kompliziert und schwierig. Der naturgemäße Schritt von der sich schließenden zur sich auflösenden Stadt ist mit dem Abfluß von ökonomischem und soziokulturellem Kapital verbunden. Die Tendenz von Aufwertung und Gentrifizierung wäre damit unterbrochen, aber um den Preis des Risikos von Abwertung, Absturz und Wertverlust.

    Deshalb werden wohl eher politische und administrative Machtstrukturen genutzt werden, um Stadt in ihrer bisherigen, anachronistischen Forrm zu stabilisieren. Hilfreich sind dabei breite gesellschaftliche Bündnisse von fortschrittlich-progresssiven Kräften mit Immobilienspekulanten und ganz visionären Politikern. In einer anachronistischen Stadt sind ja auch die Renditeinteressen urbaner Shareholder viel besser aufgehoben.

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  4. Stefan Krämer
    Stefan Krämer says:

    Der Auftakt zur Diskussion am 6. Juli 2016 war anregend und lässt uns auf viele weitere Kommentare, Anregungen, Hinweise, aber auch Kritik und andere Meinungen hoffen. Wir freuen uns auf den Prozess.

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